Citizen Science auf Spitzbergen: Auf der Suche nach Antworten im Eis

Citizen Science ist ein Trend, bei dem Naturliebhaber Daten für die Forschung sammeln. Eine Reportage aus Spitzbergen.

Citizen Science ist ein wachsender Trend, bei dem Naturliebhaber vor Ort Daten für die Forschung sammeln. Zwei norwegische Abenteurerinnen sind mit diesem Konzept noch einen Schritt weiter gegangen und haben achtzehn Monate – darunter zwei ganze Winter – in einer Hütte ohne Strom und Wasser verbracht. Mitten in der arktischen Wildnis von Spitzbergen.

Text: Kicki Lind
Fotos: Hearts in the Ice

Hilde und Sunniva beteiligten sich an einem Citizen science Projekt auf Spitzbergen.

Die Stimme, die vor dem Haus schreit, versetzt Hilde in Panik. Aber es dauert nur einen kurzen Moment, bis sie versteht, warum. Sunniva ist gerade erst hinausgegangen, um nach Nordlichtern zu schauen und da, direkt neben dem Holzschuppen und nur zwei Meter von ihr entfernt, steht ein Eisbär. “Er hat sich umgedreht und ist weggelaufen”, erinnert sich Sunniva später. “Aber ich war beeindruckt, wie unbeschreiblich schön dieses Tier war, obwohl ich Angst hatte, ihm so nahe zu sein. Das ist ein Gefühl, das ich nie vergessen werde.”

Allein, mitten in der Wildnis, umgeben von Eisbären. Als die Coronavirus-Pandemie ausbrach, ist Menschen auf der ganzen Welt bewusst geworden, was der Begriff “Selbstisolation” eigentlich bedeutet. Hilde Fålun Ström und Sunniva Sörby sind zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Monate isoliert – und das völlig freiwillig, auf einer abgelegenen Inselgruppe in der Arktis.

Der Ort, den sie sich ausgesucht haben, ist die kleine Hütte Bamsebu am Van Keulen Fjord auf der Insel Spitzbergen. 140 Kilometer extreme Wildnis liegen zwischen der Hütte und ihrem nächsten Nachbarn. Im Winter, wenn die Sonne mehrere Monate lang nicht über den Horizont kriecht, kann die Temperatur auf unter -30° Celsius fallen. Eisbären kommen hier regelmäßig vorbei – so wie in jener Nacht. “In der ‘normalen’ Welt kann man es sich manchmal erlauben, es lockerer angehen zu lassen”, sagt Sunniva. “In Bamsebu muss man in jeder Situation zu hundert Prozent achtsam sein.”

Die Hütte Bamsebu auf Spitzbergen.

Mehr als nur ein Abenteuer

Allein in einer Hütte auf Spitzbergen – die Idee für die fast zweijährige Auszeit in Bamsebu haben Hilde und Sunniva während eines ungewöhnlich milden Winters in Longyearbyen, dem Hauptort von Spitzbergen. Etwa 2.600 Einwohner leben hier, darunter auch Hilde und ihr Mann Steiner. Kurz vor Weihnachten 2015 kommt es bei einem schlimmen Sturm zu einer beispiellosen Lawine, die rund ein Dutzend Wohnhäuser trifft und einen Mann und ein junges Mädchen tötet. Hilde beteiligt sich aktiv an den Rettungsarbeiten.

“Die Toten waren enge Freunde von mir”, erinnert sie sich, bevor sie fortfährt: “Als sich der Schock gelegt hatte, ist mir klar geworden, dass der Klimawandel auch mich persönlich betrifft. Die Lawine ist eine Folge des milden Winters gewesen, den es auf Spitzbergen so bisher nicht gab. Ich habe mich daher gefragt, wie wir bewusster leben können? Wie können wir unseren Umgang mit Reisen, Plastik, Essen, Kleidung verändern? Wenn viele Menschen anfangen, solche Fragen zu stellen, kann das etwas bewirken.”

Es mag seltsam erscheinen, aber die Lawine und ihre tragischen Folgen haben Hilde dazu motiviert, einen lang gehegten Traum zu verwirklichen: das Leben in der Wildnis, ganz im Dienste der Klimaforschung. Das Projekt “Hearts in the Ice” war geboren. “Seit ich vor 26 Jahren nach Spitzbergen gekommen bin, wollte ich den Winter in der einsamen Wildnis verbringen. Am liebsten mit Steinar, aber er war nicht interessiert”, erzählt sie mit einem Schmunzeln. 

Ihre Freundin Sunniva hingegen ist mehr als begeistert, bei diesem Abenteuer mitzumachen. Bereits in früheren Jahren sind die beiden in den Polarregionen unterwegs gewesen. Vor ihrem Aufenthalt in Bamsebu hat Hilde zum Beispiel ein Jahr in verschiedenen Jagdhütten in der Arktis verbracht, unter anderem als Wetterbeobachterin auf Jan Mayen und Björnön. Sunniva hat an der ersten weiblichen Skiexpedition zum Südpol teilgenommen und hat außerdem viele Jahre als Guide in der Antarktis gearbeitet. “Was uns gereizt hat, war nicht nur das Abenteuer selbst. Mit unserem Projekt Hearts in the Ice wollten wir auch eine Debatte rund um den Klimawandel anstoßen”, erklärt Hilde.

Normalerweise nennt man das “Citizen Science”, zu Deutsch Bürgerwissenschaft oder Bürgerforschung. Dabei geht es darum, dass Privatpersonen verschiedene Forschungsprojekte durch das Sammeln von Daten unterstützen. Als Bürgerwissenschaftler berichteten Hilde und Sunniva neun verschiedenen internationalen Forschungsprojekten über alles Mögliche – von Meereis, Phytoplankton und Polarlichtern hin zu Wolken und der Menge an Mikroplastik im Eis. Früher wurden ähnliche Studien nur im Sommer durchgeführt. Die Bürgerwissenschaftler helfen den Forschern, bessere Daten zu sammeln.

Materialtransport auf Spitzbergen.

Abenteuer Spitzbergen: Kein Plan B

Im August 2019 ist es so weit. Hilde, Sunniva und ihr Hund Ettra gehen in Longyearbyen an Bord eines eigens gecharterten Schiffes für eine viertägige Reise zum Van Keulen Fjord und zur Hütte Bamsebu. Der Herbst steht vor der Tür und die Gipfel der Berge leuchten bereits weiß. Mit im Gepäck haben sie Ausrüstung und Proviant für zehn Monate. Grundlegendes wie Mehl, Gewürze, getrocknetes Gemüse, Kaffee, zwei Umzugskartons mit Chips und fünfzig Kisten Bier. Hilde hat auch ein Rentier geschossen, das sie geschlachtet, verpackt und eingefroren hat. “Wir hatten keinen Plan B”, erinnert sich Hilde. “Wir hatten alles, was wir brauchten, aber wir mussten jeden Tag hart arbeiten, um zu überleben. Aufgeben kam für uns nicht infrage. Trotz der Gefahren und der Anstrengung war es die Verwirklichung eines langen Traums.”

Denn einmal angekommen, holt sie schnell die Realität ein. Das Sammeln von Daten für die verschiedenen Forschungsprojekte ist anspruchsvoll und zeitaufwändig. Dazu kommen die täglichen Herausforderungen, die die arktische Wildnis mit sich bringt. “Allein die Fahrt mit dem Boot und das Sammeln von Phytoplankton in diesem Gebiet ist mit vielen Risiken verbunden. Deshalb braucht es im Vorfeld viel Planung. Was machen wir, wenn der Motor ausfällt? Und was brauchen wir unterwegs?”, erklärt sie. “Wir mussten beispielsweise immer und bei jedem Wetter Ausrüstung, Proviant und ein Signalgewehr dabeizuhaben, um Eisbären zu verscheuchen.” In der Tat geht einiges schief. Mal haben sie technische Probleme mit den Kameras, mal mit der Drohne, dem Boot oder der Pumpe, die das Phytoplankton auffängt. “Aber wir konnten alles im Laufe der Zeit lösen, und das hat uns gestärkt”, sagt Hilde.

Ein Highlight: die hier im Norden ständig präsenten Nordlichter. “Als wir die Polarlichter für die NASA dokumentieren wollten, waren wir völlig verzaubert von den sich verändernden Lichtschleiern am Himmel. Für einen Moment vergaßen wir das Risiko, uns Erfrierungen an den Fingern zu holen oder dass es in der Nähe Eisbären geben könnte”, schmunzelt Sunniva. “Innerhalb einer Woche kamen zehn Eisbären ganz nah an unsere Hütte heran. Es ist ja nicht so, dass sie an die Tür klopfen und ihre Ankunft ankündigen. Wir waren verwundbar und mussten ständig auf der Hut sein.”

Der Klimawandel ist in der Arktis besonders deutlich zu spüren. Die Forscher befürchten, dass diese Veränderungen so schnell voranschreiten, dass die Eisbären keine Zeit haben, sich anzupassen. Ihr Überlebenskampf wird auch für Hilde und Sunniva sichtbar: “Wir haben mit eigenen Augen gesehen, wie die Eisbären versuchen, sich an das schmelzende Meereis und die steigenden Temperaturen anzupassen”, sagt Hilde. “Ihre Hauptnahrungsquelle sind Robben, und die Robben leben auf dem Eis. Wir haben gesehen, wie Eisbären jetzt versuchen, Rentiere zu jagen, indem sie sich in großer Höhe hinlegen und dann die darunter vorbeiziehenden Rentiere angreifen. Vielleicht können sie sich in ein paar hundert Jahren anpassen. Trotzdem gibt es dabei ein Problem: Bei der Jagd auf Rentiere verbrauchen die Eisbären viel mehr Energie. Außerdem haben diese nicht so viel Fett wie Robben.”

Es sind nützliche Erkenntnisse wie diese, die die beiden Forscherinnen in der Arktis gewinnen. Dabei lassen sie die ganze Welt an ihren Beobachtungen teilhaben: Dank Satellitenkommunikation und Live-Übertragungen werden nicht nur Wissenschaftler informiert, sondern auch Tausende Kinder und Jugendliche in Klassenzimmern auf der ganzen Welt.

Sunniva und Hilde haben auf Spitzbergen zur Klimaforschung beigetragen.

Die Bedeutung der Dankbarkeit

Die Nachricht vom Ausbruch der Coronavirus-Pandemie erreicht Hilde und Sunniva über Satellit. Und als ihnen im Frühjahr 2020 klar wird, wie ernst die Folgen sind, beschließen sie, ihre Vorräte aufzufüllen und erneut in Bamsebu zu überwintern. “Wir hatten gemischte Gefühle, als wir für einen weiteren Winter in der Dunkelheit zurückkehrten”, sagt Sunniva. Vor ihnen liegen neun weitere Monate, davon drei ohne Tageslicht. “Aber als wir uns wieder eingelebt hatten, fühlten sich die Forschung und die Live-Übertragungen via Satellit sinnvoller an als zuvor. Und zu sehen, dass die Welt gemeinsam so viele Maßnahmen zur Bewältigung einer globalen Krise ergreift, gab uns in gewisser Weise Hoffnung.”

Um mit den extremen Bedingungen in Bamsebu zurechtzukommen, halten sich Hilde und Sunniva an ihre tägliche Routine. Sie müssen nicht nur die Durchführung der verschiedenen Forschungsprojekte im Auge behalten, sondern sich auch ständig um die Holz- und Wasservorräte kümmern und den Ofen warm halten. Außerdem achteten sie darauf, sich fit zu halten – etwa mit täglicher Bewegung im Freien und Yoga. “Was mir aus dieser Zeit am meisten in Erinnerung bleiben wird, sind all die lustigen Begebenheiten, die man so nicht einfach planen kann”, sagt Hilde und fährt fort: “Wie das Verkleiden an Halloween und als Sunniva an Heiligabend der Weihnachtsmann gewesen ist. Oder als so viel Schnee lag, dass wir die Haustür nicht aufbekommen haben. Oder als ein Sturm jene Haustür einfach weggeblasen hat.”

Die größte Herausforderung sind allerdings nicht die Naturgewalten – es ist das Zusammenleben auf engstem Raum über einen so langen Zeitraum. “Natürlich waren wir nicht die ganze Zeit beste Freundinnen. Ich denke, das ist normal. Trotzdem haben wir es geschafft, uns in allen Situationen zu verständigen. Es geht darum, sich immer wieder zu vergewissern und den anderen zu fragen, wie man etwas genau meint, bevor man direkt schnippisch reagiert. Es ist so leicht, etwas misszuverstehen. Wir haben auch darauf geachtet, einander Dankbarkeit zu zeigen – etwa fürs Holzhacken. Dankbarkeit zu zeigen mag selbstverständlich klingen, aber es ist super wichtig, sich daran zu erinnern. Deshalb sind wir immer noch beste Freundinnen”, lächelt Hilde. Sunniva stimmt ihr zu: “Man muss nicht immer einer Meinung sein. Aber es ist wichtig, dass es Raum gibt, um Gedanken und Überlegungen offen zu teilen. Es ist wichtig, dass man einander zuhören kann. Auf diese Weise haben wir viel gelernt – sowohl übereinander als auch über uns selbst.”

Das Leben auf Spitzbergen ist nicht immer leicht.

Eine neue Überwinterung im Eis steht an

Im Sommer 2021 verlassen Hilde und Sunniva Bamsebu. Nachdem insgesamt achtzehn Monate in der Wildnis. “Es war völlig schockierend, in die Zivilisation zurückzukehren”, erinnert sich Hilde. “Es war natürlich wunderbar, Familie und Freunde wiederzutreffen. Aber es war gleichzeitig auch schwierig, all die Geräusche und Gerüche und den ganzen Lärm zu verarbeiten. Alles, was wir in Bamsebu gemacht haben, hatte einen Sinn. Sowohl für unser eigenes Überleben als auch für unsere wissenschaftliche Arbeit. Als wir zurückkamen, war das anders.”

Die Sehnsucht nach der Wildnis – auch 18 Monate in der Kälte haben Hilde und Sunniva sie nicht verloren. Es kommt daher nicht überraschend, dass es die beiden nicht lange in der Zivilisation ausgehalten haben. Seit Herbst 2022 verbringen sie erneut Zeit in der Wildnis. Diesmal in der kanadischen Arktis. Aber wie Sunniva erklärt, bleibt die Mission dieselbe: “Wir wollen weiterhin mit Menschen auf der ganzen Welt kommunizieren und sie zum Handeln aufrufen. Wir müssen den Klimawandel als die ernste Krise betrachten, die er ist. Jetzt. Wir brauchen starke Führungspersönlichkeiten, aber das fängt bei uns selbst an.”

Text: Kicki Lind