Chris Kaula im Interview

Hätten Tiere Instagram, wäre Chris Kaula ihr bester Buddy. Der Naturfotograf aus dem Taunus versteht es perfekt – jedwede Tierart ins beste Licht zu rücken. We like!

Was war zuerst da: das Interesse für Flora und Fauna oder für die Fotografie?

Auf jeden Fall das Interesse für die heimische Natur. Durch meine Großeltern kam ich schon sehr früh in Berührung damit. Ich lernte, diverse Orchideen, Bäume und letztlich auch Tiere zu bestimmen. Irgendwann griff ich zur Kamer­­a meines Opas und die ersten Bilder von Zaun­eidechse und Co. waren im Kasten. Im Biologie-Studium wurde das Thema Fotografie aber viel intensiver. Auf Exkursione­­n dokumentierte ich besondere Entdeckungen und am Ende des Bachelors durfte ich für meine Arbeitsgruppe auf die Falklandinseln reisen. Diese Reise war der Grundstein meiner Karriere als Naturfotograf.

Wie kommt ein Junge aus dem Taunus ans andere Ende der Welt?

Der Dank geht an meine damalige Arbeitsgruppe (AG Verhaltens­ökologie und Ökophysiologie) der Uni Gießen. Während meiner Thesis wurde ich von meinem Betreuer gefragt, ob ich nicht Lust hätte, in den Süden zu fliegen, um für sie ein paar Proben zu sammeln. Dass es so weit südlich geht, war mir in dem Moment noch gar nicht bewusst.

Was macht die Falklandinseln so besonders?

Es ist ein Archipel aus über 700 Inseln ganz unterschiedlicher Größe vor der Südostküste Argentiniens. Die geografisch­­e Nähe zur Antarktis und gleichzeitig die vergleichs­weise leichte Erreichbarkeit vom kontinentalen Festlan­­­d aus machen die Inselgruppe so attraktiv. Für mich war vor allem die Anzahl der Vögel überwältigend. Millione­­n von Seevögeln nisten auf den Inseln. Ich durft­e in verschiedenen Kolonien arbeiten und ganz unterschiedliche Arten kennenlernen. Das Schönste war, dass die Tiere einfach keine Scheu vor dem Menschen hatten. Im Gegenteil, sie waren neugierig.

Chris Kaula (30)
Der studierte Biologe stammt aus dem Taunus und foto­grafiert seit seiner Jugend Tiere aller Art. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Und dabei ist es ihm völlig egal, ob er einen Frank­furter Feldhamster oder eine südafrikanische Wolfsspinne vor der Linse hat.

Einen Blick hinter die Kulissen gibt es hier:
www.chriskaula.com, Instagram: @chriskaula,
Youtube: www.youtube.com/c/ChrisKaula

»Mir macht es Spaß, die Schönheit vor meiner Haustür zu zeigen – auch wenn es nicht einfach ist.«

Welche Länder haben es dir noch angetan?

Ich habe mein Herz an Skandinavien verloren. Schweden ist das Land meiner Träume. Allerdings habe ich dort noch kein komplettes Jahr verbracht und wohl weitestgehend auch nur die schönen Seiten gesehen. Ob mir der dunkle Dezember dort auch gefallen würde?

Ist Deutschland ein gutes Revier für Tierfotos?

Jein. Es ist hier schon recht mühsam, gute Fotos zu machen. Es braucht Ausdauer und die wenigen Motive müssen hart erarbeitet werden. Mir macht es viel Spaß, die Schönheit vor der Haustür zu zeigen, aber gerade für Anfänger kann es eher frustrierend sein.

Wie vertreibst du dir die Zeit, wenn du stundenlang »ansitzt« und auf die Tiere wartest?

Gute Frage. Oft ist man mit seinen Schmerzen vom schiefen Sitzen so beschäftigt, dass keine Zeit für Langeweile bleibt. Ansonsten ist mein Handy (leider) die beste Ablenkung.

Blöde Frage, aber ich kann sie mir nicht verkneifen: Bist du schon mal eingeschlafen beim Warten?

Ja, mehrfach … Aber meistens wird man dann wach, wenn sich ein Tier nähert. Irgendwie nehmen wir unterbewusst unser Umfeld wahr und können letztendlich doch den wichtigen Moment einfangen.

Und wie hältst du dich warm?

In Embryonal-Stellung. Spaß beiseite, das hilft, ist aber nicht des Rätsels Lösung. Ich nutze in solchen Situationen immer das Zwiebel-Prinzip. Teils mehrere lange Unterhosen, gefütterte Hosen, dicke, stark isolierende Jacken. Oft noch eine billige Regenhose drüber, das isoliert zusätzlich. Und dazu sitzt man am besten im Tarnzelt, damit es keinen Windchill gibt. Außerdem nutze ich zusätzlich Wärmepads und wenn möglich eine Wärmflasche, um wirklich viele Stunden in der Kälte auszuharren.

Wie wichtig ist die richtige Tarnung?

Das kommt ganz auf die Tierart an. Ich versuche, Tiere recht effizient zu fotografieren. In kurzer Zeit viele Bilder. Deswegen hat es mir unter anderem auch die urbane Tierfotografie angetan. Dort braucht man keine Tarnung, denn die Tiere kennen den Menschen. In der Wildnis ist das etwas ganz anderes. Da setze ich am liebsten, sofern der Platz vorhanden ist, auf ein Tarnzelt. Es ist einfach am komfortabelsten, da man sich auch mal strecken kann, ohne gesehen zu werden. Sind die Tiere nicht ganz so scheu, kann man auch einen Tarnanzug nehmen – damit sieht man in etwa aus wie ein wandelnder Laubhaufen.

Auf deinem Youtube-Kanal stellst du ein »Floating Hide« vor. Was muss man sich darunter vorstellen?

Das ist ein kleiner, ringförmiger Schwimm-Bob, über dem sich ein Camouflage-Zelt befindet. In Kombination mit einer bis zur Brust wasserdichten Wathose bekommt man einen schwimmenden Unterstand, in dem man sich Wasser­vögeln vergleichsweise unerkannt nähern und diese zudem auf Wasserhöhe fotografieren kann, was immer besser wirkt als von schräg oben. Der Betrachter bekommt so den Eindruck, als schwimme er mit den Tiere­­n um die Wette.

»Wenn nach einem langen Arbeitstag nur ein gutes Bild rausspringt, bin ich schon glücklich.«

Kommst du auch mal ohne ein gutes Foto nach Hause?

Das ist leider die Regel. Ich suche mir zwar stets Szenerie­n, die sich lohnen, aber meistens kann ich das Bild, wie ich es im Kopf habe, nicht ablichten. Dann gibt es wiederum viele unerwartete Situationen, in denen ich Bilder bekomm­e, die ich so nie erwartet hätte. Wenn nach einem langen Arbeitstag nur ein gutes Bild rausspringt, bin ich schon glücklich.

Fotografierst du auch Tiere im Zoo?

Seit über zehn Jahren fotografiere ich ausschließlich wilde Tiere. Mit der Tierfotografie habe ich aber im Zoo angefangen und mich so langsam in die Materie »reingefuchst«.

Wie weit würdest du für das perfekte Foto gehen?

Leider sehr weit, eventuell zu weit. Die Fotografie ist für mich eine Leidenschaft. Sie ist mein Antrieb und ich will mich immer verbessern. Hier in Hessen komme ich aber nicht weiter. Ich brauche die raue Natur: Meer, Berge, Einsam­keit. Das finde ich in Skandinavien.

Hattest du mal ein Tier vor der Linse, das dich ver­speisen wollte oder dir zumindest Angst eingejagt hat?

Skorpione und giftige Schlangen sind immer wieder spannende Motive. Natürlich halte ich genügend Sicherheitsabstand. In Südafrika habe ich auch mal eine hand­tellergroße Wolfsspinne fotografiert. Da war ich dauerhaft angespannt und immer absprungbereit – man weiß ja nie.

Von den 13 Eulenarten in Europa hast du elf foto­grafiert. Wann sind die letzten zwei fällig?

Letztes Jahr wollte ich eigentlich nach Kroatien, um die Zwergohreule zu fotografieren. Leider kam eine Pandemie dazwischen. Und die Schneeeule werde ich vermutlich nie in Europa fotografieren. Diese Art ist hier einfach viel zu selten und muss besonders geschützt werden. Schneeeulen haben eine zirkumpolare Verbreitung, deswegen träume ich noch von einem Trip nach Kanada. Dort ist sie deutlich häufiger als bei uns in Europa. Im Winter bei minus 40 Grad eine weiße Eule im Schnee, das wär’s.

Wie findet man eigentlich eine Eule?

Das ist je nach Art und deren Habitat-Ansprüchen anders. Im Gelände schaue ich mehr auf den Lebensraum und weiß dann, welche Tiere dort vorkommen. Und wer mit offenen Augen durch die Gegend läuft, findet dann auch mal die ein oder andere Eule. Außerdem helfen mir ander­e Vögel, Eulen zu finden. Diese warnen häufig vor dem Prädato­­r und ich kann so verorten, in welchem Gebie­­t ich suchen muss. Auch Kot und Gewölle verraten die An­wesen­­­­­­hei­­­t von Eulen.

Arbeitest du noch in deinem Beruf als Biologe?

Ja, meist für Gutachten. Ich mag es, Gegenden zu erkunden und Tiere zu erfassen. Teilweise lehre ich auch. Das ist genau meins und zudem ein guter Ausgleich zur Foto­grafie. Denn Fotografie bedeutet ja leider nicht nur draußen sein. Es braucht viel Vorbereitung und Planung im Büro und zeitintensive Bildbearbeitung hinterher – und das liegt mir auf Dauer nicht so sehr.

Hast du Vorbilder unter den Tierfotografen?

Ich liebe verträumte Bilder. Stile, die sich aus der Masse abheben, einzigartige Kreationen – und diese kommen oft von Bence Maté, Bernt Østhus, Marco Gaiotti, Klaus Tamm, Hermann Hirsch und Jan Leßmann. Auch schaue ich mir natürlich Wettbewerbe wie den Europäischen Natur­fotografen oder den GDT Natur­fotografen des Jahre­s genau an. In beiden Wettbewerben dominiert der künstlerische Anspruch in den Bildern. Und solche Bilder in­spirieren mich.

Vor einigen Ausgaben gab es im Globetrotter Magazin ein großes Interview über die aufwendig produzierte Netflix-Doku »Our Planet«. Würde es dich reizen, mal bei solch einer Produktion anzuheuern?

Ja, auf jeden Fall. Ich lerne gerne neue Dinge. Vor allem die Planung hinter so einer Doku würde mich sehr interessieren – und natürlich das qualitative Ergebnis der eingesetzten, hochkomplexen Kameratechnik. Andererseits steht bei mir (noch) die Fotografie im Vordergrund. Deswegen würde ich auch imme­­r mit einem weinenden Auge dabei sein, da Bewegtbild natür­lich stets Vorfahrt hat.

Welche Standardausrüstung braucht ein Tierfotograf?

Ein Weitwinkel, ein Makro und ein Tele. In welcher Ausführung und Preisklasse muss jeder für sich selbst entscheiden, denn Geschmäcker und Geldbeutel sind ja bekanntlich verschieden. Ich fotografiere sehr viel mit offenen Blenden und daher habe ich gerne ein lichtstarkes Weitwinkel im Gepäck. Beim Tele muss man auch ein wenig auf das Gewicht achten. Für längere Touren ist ein fünf Kilo schweres Supertele einfach ungeeignet.

»Ich liebe verträumte Bilder und Kreationen, die sich aus der breiten Masse abheben.«

Was hättest du gern im Fotorucksack, wenn Geld keine Rolle spielt?

Eine sehr gute Wärmebildkamera, ein hochwertiges Fernglas und einen hochwertigen Regenschutz.

Und was sollte dringend mal erfunden werden?

Ich würde gerne die Physik überwinden, um ein Teleweit­winkel zu haben. Quasi ein extremes Weitwinkelobjektiv, das sein­e Wirkung erst mit ein paar Meter Abstand entfaltet – so könnt­e man ungestört weiter entfernte Tiere in ihrem natürlichen Lebens­raum ablichten.

Dein Motto ist »Rausgehen, wenn andere zuhause bleiben«. Wie motivierst du dich dafür?

Das ist manchmal gar nicht so einfach. Vor allem vor Sonnen­aufgang. Aber ich will mich mit meinen Bildern von der Mass­e abheben und daher schadet es nie, wenn die Masse noch im Bett liegt, während man selbst die Extra­meile geht.

In der sehenswerten Doku »Mein Lehrer, der Krake« beobachtet ein Tierfilmer ein Jahr lang einen Oktopus und freundet sich mit ihm an. Ist dir sowas auch schon mal passiert?

»Tierfreundschaften« sind etwas ganz Besonderes. Diese­­s Vertrauen zu gewinnen, ist ein wundervoller Momen­­t. Ich hatte bereits intensiven Kontakt zu einem Fuchs und zu Unglückshähern. Zu sehen, dass die Tier­e vor mir keine Scheu mehr haben, aber vor anderen Menschen schon, ist herzerwärmend. Bei den Unglücks­hähern war der Kontakt besonders intensiv. Sie leben in Gruppen aus dem Brutpaar, dem diesjährigen Nachwuchs, älteren Nachkommen und auch adoptierten Jungvögeln. Und diese adoptierten Vögel, die von anderen Familien verstoßen wurden, werden von den anderen gemobbt. Und so kommt es vor, dass diese besonders gerne die Nähe suchen und auf Schulter oder Kopf landen, um Schutz zu suchen.

Viele deiner Motive gibt es sowohl als Foto wie auch »bewegt«? Hast du dafür einen Kameramann dabei?

Leider kann ich mir keinen Kameramann leisten. Das würd­e einiges sehr viel einfacher machen. Also filme und schneid­e ich als Autodidakt selbst. Aber ich habe mir schließlich auch schon ­Statistik an der Youtube-Universität durch das Anschauen von How-to’s bei­gebracht. Dagegen sind Film­tutorials ein Vergnügen.

Muss ein guter Fotograf heutzutage auch gut in Photoshop sein?

Bildbearbeitung ist in meinen Augen extrem wichtig. Ob ihr jetzt Photoshop, Lightroom oder Gimp benutzt, ist dabei völlig egal. Aber ein Bild im sogenannten »Raw-Forma­­t«, in dem alle Profis fotografieren und das alle Para­meter enthält, die der Kamerasensor liefert, muss immer bearbeitet werden. Ich nutze dafür ausschließlich Lightroom von Adobe. Mit dem Programm kann ich mein­e Bilder nach den Richtlinien internationaler Wett­bewerbe bearbeiten.

Ein kleiner Lohn für all die Mühen sind Fotowett­bewerbe. Welche Auszeichnungen wurden dir schon zuteil und welche würdest du gern mal gewinnen?

Meine größte Auszeichnung war letztes Jahr der erste Platz in der Kategorie »Säugetiere« beim European Nature Photo­grapher of the Year. Ich träume aber noch von einem großen Gesamtsieg oder einer Auszeichnung beim Wildlife Photographer of the Year.

»Ich agiere auch vor der Kamera und nutze die Reichweite auf Social Media, um zum Nachdenken anzuregen.«

Die erfolgreichsten Fotografen unserer Zeit agieren sowohl hinter als auch verstärkt vor der Kamera. Muss man eine »Rampensau« sein, oder reicht es, seine Bilder sprechen zu lassen?

Die Bildsprache ist nach wie vor am wichtigsten. Ohne gute Bilder kein Erfolg. Aber sich vor der Kamera zu präsentiere­­n, macht es einfacher, seine Zielgruppe zu erreichen. Und nicht nur die. Ich will die Reichweite via Social Media nutzen, um zu bilden und zum Nachdenken anzuregen. Wir haben uns zu sehr von der Natur entfernt und ich will meinen kleinen Teil dazu beitragen, dass sich das wieder ändert.

Christoph Kaula Gebänderte Prachtlibelle am Ufer der Eder.

Inwieweit verändert der Klimawandel die Verhaltensmuster der Tiere?

Das ist sehr artspezifisch und betrifft oft das Zug- bzw. Wanderverhalten. Manche Vogelarten ziehen nicht mehr in ihr ursprüngliches Wintergebiet. Andere ziehen verfrüh­­t zurück in ihre Brutgebiete. Nahrungswege könne­n länger werden, Meeresströmungen verändern sich und Futter wird knapp. Das Thema ist sehr komplex, aber an der Tierwelt kann man sehen, dass sich etwas verändert. Bienenfresser zum Beispiel waren früher sehr seltene Vögel in Deutschland. Das Vorkommen beschränkt­­e sich lange Zeit auf den klimatisch be­­güns­tigten Kaiserstuhl, mittlerweile kann der Vogel an immer mehr Stellen in Deutschland angetroffen werden. Und nicht nur hier, ja sogar in England, Dänemark und Schwede­­n gibt es Brutpaare.

Bist du optimistisch, dass die Menschheit noch die Kurve kriegt?

Auch wenn die Menschheit versucht, sich durch Technisierung von der Natur unabhängig zu machen, sind wir dennoch ein Teil von ihr. Die Natur ist extrem anpassungsfähig und kann viel kompensieren. Allerdings wurden viele negative Prozesse in den letzten Jahrzehnten so sehr beschleunigt, dass es schwer werden könnte. Eine Frage ohne Antwort.

Deine fünf Tipps für Tierfoto-Einsteiger …

Sucht euch einfache Motive. Nehmt euch Zeit. Tier­fotografie geht mit jedem Objektiv. Beobachtet eure Tier­e und studiert ihr Verhalten. Recherchiert im Internet und in Büchern zu dem Tier.

Was macht Chris Kaula, wenn er 60 ist?

Ich hoffe, dass ich dann noch fit und mobil bin. Aber das Reisen in die Ferne wird dann schon lange nicht mehr im Vorder­grund stehen. Ich möchte endlich angekommen sein. Auf der Terrasse sitzen und die Natur beobachten. Ich möcht­e ein Zuhause haben und Besuch von meinen Kindern bekomme­­n. Die Fotografie wird mich natürlich weiterhin begleiten.


DAS NEHM ICH MIT

Alles für deine nächste Fotoexpedition

CHRIS KAULA
Rot und gelb ist eher nicht sein Stil. Der Tierfotograf wählt sämtliches Equipment in gedeckten Farben.

Text: Michael Neumann
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