Zwei Freunde auf dem Landweg nach Indien
by road? by road!
Felix und Phillip sind beste Freunde, zelten jeden Sommer auf Spiekeroog und mögen es gemütlich. Dann steigen sie in einen 40 Jahre alten Bus und fahren nach Indien.
Auf Spiekeroog gibt es keine Autos und zum einzigen Zeltplatz der Nordseeinsel läuft man eine halbe Stunde durch die Dünen. Der Blick übers Watt ist weit, die Stimmung im Camp tiefenentspannt bis träge. Felix Müller (30) und Phillip Remmert (30) sind jeden Sommer hier. Ein guter Ort für ein Interview über ihre wilde Reise.
Hier auf Spiekeroog fängt die Geschichte an?
Phillip: Wir kennen uns seit der Schule, wohnten in Bremen lange in einer WG und zelten gern zusammen auf Spiekeroog. Seit 15 Jahren jeden Sommer zwei, drei Wochen, manchmal auch Pfingsten oder Silvester. Beschaulichkeit ist hier das Hauptfeature. Größere Reisen hatten wir nie auf dem Zettel.
Felix: Vielleicht wäre das so geblieben. 2016 aber stand für mein Journalistik-Studium ein Auslandssemester an. Ich hatte erst gar keinen Bock. Einige Kommilitoninnen wollten an eine Partner-Uni in Indien und fragten, ob ich dabei sei. So kam ich eher zufällig an die Manipal University in Südindien. Wir sind auch durchs Land gereist: irre schön und irre stressig.
Warum ist Indien so krass?
Felix: Die Kontraste sind maximal: Glück und Elend, leuchtende Farben und faulender Müll, wunderschöne Menschen und unerträgliches Gedränge – alles wild durcheinander. Dann dieses Chaos, das dich überall erwischen kann. James May hat es in seiner Doku »Our Man In India« so erklärt: Indien will dich erschlagen – und genau das macht es erst so gut.
Habt ihr auch solche Schläge eingesteckt?
Felix: Jede Menge. Ein Beispiel: Kurz vor Ende des Semesters ging es auf die Andamanen-Inseln – zur Erholung, dachten wir. Wegen einer Anti-Schwarzgeld-Kampagne der Regierung war das Bargeld begrenzt, der einzige Geldautomat gab nur eine limitierte Summe aus. Diese lag aber unterhalb des Abhebe- Minimums unserer Kreditkarten. Wir bekamen also gar nichts und standen ohne Geld da. Dann zog ein Tropensturm auf – im blödesten Fall würden wir wochenlang festsitzen. Es hieß: Die Inseln werden evakuiert! Dann: Nee, doch nicht. Wir waren echt verloren. Und plötzlich wurden wir per Helikopter aufs Festland gebracht und erwischten sogar noch unseren Heimflug.
Und solche Storys, Phillip, haben dich gereizt, mit Felix auch mal nach Indien zu fahren?
Phillip: Was Felix erzählte, klang zur Hälfte fantastisch, zur Hälfte wahnsinnig. Ich war ja nie groß aus Deutschland rausgekommen. Und Felix wollte mir das alles zeigen. Er hatte die Idee, über Land nach Indien zu fahren, wie die Hippies früher. Das sollte auch den Kulturschock abmildern. Mich hat das beruhigt: Wenn wir erst ein Fahrzeug besorgen und ausbauen würden, wäre das ja ein schönes Projekt für ein paar Jahre – und der Aufbruch ins Unbekannte noch nicht akut.
Die Vorbereitung hat so lange gedauert?
Phillip: Jo. Fast drei Jahre inklusive Corona, da hatten wir Zeit zum Planen und Basteln am Auto. Als es dann losging, haben wir unsere WG gekündigt, ich meinen IT-Job – das war kein Ding, in der Branche findet man immer wieder was. Und Felix ist sowieso Freiberufler. Zwölf Monate war der Plan, es wurden dann fast 16 Monate, davon sieben in Indien.
»Ich war nie groß aus Deutschland rausgekommen.«
Und euer fahrbarer Untersatz?
Felix: Ein über 40 Jahre alter Mercedes-Bus mit satten 65 PS – der hatte als früherer THW-Funkwagen nur 50 000 Kilometer runter. In der Szene kennt man die Baureihe auch als »Düsseldorfer Modell«, kurz: Düdo. Ausgebaut haben wir selbst und dafür jede Menge Youtube-Tutorials geschaut, besondere Credits gehen hier an Paul von »Passport Diary«.
Sind THW-Fahrzeuge nicht blau?
Phillip: Das berühmte THW-Blau, RAL-Farbe 5002, hat der Bus nicht, weil Fernmeldefahrzeuge bis in die 1990er orange lackiert waren – hat das THW auf Anfrage mitgeteilt. Es ist auch der kleinste Düdo: ohne Stehhöhe, aber mit solidem Dachträger. Man kann Matratzen drauflegen und oben schlafen.
Ihr seid über 30 000 km gefahren. Wie war der Start?
Felix: Bis Istanbul ging alles glatt und wir gewöhnten uns ans Vanlife. Die Türkei ist wunderbar: Du kannst überall stehen, bist willkommen, die Leute sind super. Wir blieben gleich zwei Monate dort. Aber die weitere Reise war offen, weil die Lage im Iran sehr angespannt war und individuelles Reisen riskant. Alle rieten uns ab und wir wollten den Bus schon verschiffen. Dann kam ich auf einem türkischen Campingplatz mit einem Traveller ins Gespräch – und der erzählte, sein Bruder fahre gerade durch den Iran. Wir bekamen Kontakt und über Social Media Tipps von weiteren Leuten vor Ort. Also haben wir es gewagt.
Eine gute Idee, durch den Iran zu fahren?
Felix: Wir hatten irgendwann das Visum, aber auch ein mulmiges Gefühl. Ich bin Fotograf und habe als Journalist schon für die Öffentlich-Rechtlichen gearbeitet – sowas sollten die Grenzer eher nicht wissen. Als Beruf gab ich Grafikdesigner an und hatte vorsorglich alles Verdächtige vom Handy gelöscht. Prompt wurden die Telefone gefilzt, Leute von der Revolutionsgarde swipten durch Kontakte und Fotos. Wir saßen dabei in einem kleinen fensterlosen Raum und wurden endlos befragt. Auch den Bus haben sie komplett fotografiert und geröntgt.
Phillip: Dabei blieben die Offiziellen immer höflich, aber es dauerte übelst lang und man fühlte sich eingeschüchtert und ausgeliefert. Aber sie ließen uns einreisen. Im kurdischen Teil des Iran war krasse Militärpräsenz mit etlichen Checkpoints. Wir fuhren mit Rebecca – einer Deutschen mit eigenem Bus und ihrem Hund Benji – im Konvoi, mieden größere Orte und kritische Standplätze, also etwa in der Nähe von Gasleitungen – nicht dass man uns für Spione hält. Entspannt war das nicht.
War es in Pakistan besser?
Felix: Anders. Belutschistan, der westliche Teil Pakistans, ist auch kein ruhiges Gebiet. Man bekommt eine Polizeieskorte bis Islamabad. Die hält aber immer wieder an, es gibt Fahrzeugwechsel, sich ständig wiederholenden Papierkram und extrem viel Warterei. Phillip hat da fast mal die Nerven verloren.
Phillip: Ich wollte das Procedere beschleunigen: auf Fragen vorbereitet sein, Papiere und Pässe parat haben und sowas. Nach zwei Tagen gab ich auf: Niemand hatte Interesse daran, irgendwas zu beschleunigen. Meine Effizienz-Ideen musste ich begraben. Schön war dafür, dass Leute bei uns mitfuhren: Pavel, ein cooler polnischer Reiseradler, und Ali, ein türkischer Rentner, der einen alten Freund in Islamabad besuchen wollte und nur eine kleine Tasche dabeihatte. Rebecca hat ihn quasi adoptiert.
»Unsere Reise hatte zuvor etwas Zielloses. Leh war wie das Ankommen an einem Sehnsuchtsort.«
Und dann endlich Indien?
Felix: Nicht sofort. Wir warteten 14 Tage auf unser Visum, das ist beim Landweg viel komplizierter als bei Flugreisen. Aber in Islamabad hatten wir ein nettes Airbnb und erholten uns. Urlaub vom Urlaub sozusagen. Dann hat uns Indien mit einem Highlight empfangen: An der Grenze liefern sich pakistanische und indische Soldaten jeden Tag so eine Art Tanzbattle, jeweils angefeuert von Fantribünen wie beim Fußball. Eine absurde Operette: laut, bunt, rätselhaft, aber auch irgendwie freundschaftlich zwischen den verfeindeten Ländern. Google dazu mal ein Video: »Grenzschließung Zeremonie Indien Pakistan«.
Phillip: In Indien fiel ganz viel ab: keine Kontrollen mehr, keine Grenzen – und endlich wieder kurze Hosen anziehen. Das angekündigte indische Chaos sah ich jetzt viel lockerer.
Der indische Subkontinent ist riesig – wo fängt man an?
Felix: Wo du gerade bist. Gleich in der Grenzstadt Amritsar wartet der prächtige Goldene Tempel, das höchste Heiligtum der Sikhs. Amritsar ist ein friedlicher Ort, wo du immer leise Gesänge hörst und angelächelt wirst. Fast jeder will ein Selfie mit dir machen. Wir haben uns pudelwohl gefühlt. In den folgenden Wochen war noch mehr Sightseeing angesagt – vier Freund:innen aus Deutschland sind eingeflogen und mit uns auf Tour gegangen: Delhi, Taj Mahal, quer durch Rajasthan …
Phillip: Zu sechst im Bus zu reisen war kein Problem, übernachtet haben wir aber meist in Hostels, gerne auch mal mit Klimaanlage. Die Hitze hat uns schon zu schaffen gemacht. Im Bus hatte es abends oft 45 Grad …
Felix: In diesen Wochen haben wir eine Sehnsucht entwickelt nach kühler Luft und echtem Vanlife – also irgendwo in der Natur campen und schauen, was passiert. Dazu bekamen wir immer den gleichen Tipp: Fahrt in den Norden!
Norden, das heißt in den Indischen Himalaja?
Phillip: Nördlich von Delhi geht’s los mit den Bergen, und dann wird es immer höher. Der höchste Punkt Indiens ist ein 8000er – der Kangchendzönga an der Grenze zu Nepal. Ganz so weit rauf wollten wir aber nicht, aber schon bis Ladakh.
Felix: Unser Besuch war wieder zuhause und wir planten für die Berge. Es geht da über 5000 Meter hohe Pässe, daher wollten wir die Einspritzpumpe gut einstellen lassen. Leider hat dabei wieder das Chaos zugeschlagen: Wir telefonieren rum, finden schließlich einen, der sagt, dass er das kann. Kann er dann nicht, aber kennt jemanden. Der Jemand ist 80 Jahre alt, spricht kein Englisch, baut die Pumpe aus und ein – und der Motor macht keinen Mucks mehr. Also wieder telefonieren, Teile besorgen, Youtube-Tutorials gucken und am Ende den Job selbst machen. Als der Motor endlich ansprang, waren zwölf Tage vergangen.
Phillip: Zwölf Tage waren früher ein kompletter Urlaub, jetzt auf der Reise eher so eine kleinere Stressepisode …
Und wieder wurde nach dem Chaos alles gut?
Felix: Tatsächlich! Die Passstraße nach Ladakh beginnt in Manali. Dort machten wir Station bei Rahul, der ein kleines Hostel führte, wo auch viele seiner Freunde abhingen. Es gibt ja in vielen Freundeskreisen so eine Schlüsselperson, die besonders kommunikativ ist und die Leute zusammenbringt. In der Camping-Community auf Spiekeroog ist das Arjan – und Rahul war so eine Art indische Ausgabe von Arjan. Wir wurden sofort in den Kreis aufgenommen und haben dort zwei sehr schöne Wochen verbracht. Das ist eben auch Indien.
»Stell dir vor, man hätte damals zu Mercedes gesagt: Baut das Auto so, dass in 40 Jahren jemand damit den zweithöchsten Pass der Welt hochfahren kann. Sie hätten vielleicht gefragt: Warum sollte das jemand machen? Aber sie haben es gebaut. Und wir haben es gemacht.«
Nach Ladakh führt der berüchtigte Manali-Leh-Highway: fast 500 Kilometer lang, mit Pässen bis über 5300 m …
Felix: Ich bin ein bisschen hypochondrisch und hatte Schiss vor dem Sauerstoffmangel. Natürlich kribbelten gleich meine Hände. Eine indische Ärztin, die eine Reisegruppe begleitete, hat meinen Blutsauerstoff gemessen: 86 %, da wird man in Deutschland schon behandelt. Aber sie meinte: Das passt schon – und schenkte mir eine kleine Sauerstoffflasche für den Notfall.
Phillip: Und Riechsalz – das war wohl eher psychologischer Support. Die Ärztin hatte aber recht: Es ist alles gut gegangen. Felix hat sich erholt und in dieser krassen Natur fotografiert wie ein Weltmeister. Ich bin trotzdem 17 Stunden fast am Stück gefahren, um möglichst schnell aus diesen Höhen zwischen 4200 und 5300 m zu kommen. Leh liegt nur auf 3500 m.
Was hat euer Düdo gemeint zu dieser Tour de Force?
Felix: Mit der Höhe wurde der Auspuffqualm dunkler, der Motor stotterte öfter – aber letztlich gab es kein Problem. Und das mit einem 40 Jahre alten, für den deutschen Straßenverkehr konzipierten und damals schon untermotorisierten Fahrzeug!
Phillip: Stell dir vor, dass man damals den Ingenieuren bei Mercedes sagte: Baut das Auto so, dass in 40 Jahren jemand damit den zweithöchsten Pass der Welt hochfahren kann. Sie hätten vielleicht gefragt: Warum sollte das jemand machen? Aber sie haben es gebaut. Und wir haben es gemacht.
Hat sich der Abstecher in den Himalaja denn gelohnt?
Felix: Ladakh ist mein Favorit auf die gesamte Reise gesehen. Als wir die Hauptstadt Leh erreichten, war das noch beeindruckender als erwartet. Eingebettet in diese karge, majestätische Natur, geprägt vom Buddhismus und den besonderen Lebensumständen in dieser Höhe. Man connectet mit den Leuten, mit Einheimischen oder Lkw-Fahrern, als sei es jedem bewusst, dass man an einem besonderen Ort ist und sozusagen einer Art Club angehört. Für mich war das magisch. Vielleicht auch, weil unsere Tour vorher etwas Zielloses hatte – und Leh wie das Ankommen an einem Sehnsuchtsort war.
Wie verlief nach diesem Höhepunkt der Rest der Reise?
Felix: Wir blieben ein paar Wochen in Ladakh und später noch in Kaschmir, dann ging es zurück in den Süden. Unterwegs hatten wir einen Motorschaden – aus eigener Dummheit, nach einer Flussquerung war der Kühler beschädigt und wir haben es nicht bemerkt. Die Reparatur dauerte einen Monat! Schrauben, Organisieren, Warten, zwei indische Werkstätten beteiligt, Kosten für alles nur 500 Dollar, aber mit den Nerven durch. Knapp vor Ablauf des Fahrzeug-Permits waren wir fertig zur Ausreise, sonst hätten wir eine ruinöse Strafe bezahlen müssen.
Phillip: Die Tour durch Pakistan und Iran wollten wir nicht noch mal machen, also haben wir den Bus in die Türkei verschifft. Das dauerte 45 Tage, in denen wir Indien noch mal per Zug erkundeten. Dann sind wir hinterhergeflogen und hatten noch schöne Wochen in der Türkei. Auf dem Heimweg hat kurz vor dem Ziel die Zylinderkopfdichtung aufgegeben – leider mussten wir den Düdo doch noch abschleppen lassen.
So einen Trip macht man meist nur einmal im Leben. Was ist die Bilanz dieser 16 Monate für eure Freundschaft?
Felix: Wir haben viel erlebt, gelernt und ausgehalten. Das hat uns noch enger zusammengebracht, glaube ich. Einerseits ziehen wir bei Problemen an einem Strang. Andererseits sind wir unterschiedliche Charaktere. Das Wichtigste ist wahrscheinlich, dass wir versucht haben, jede Unzufriedenheit und jedes Problem des anderen zuzulassen, zu verstehen und ernst zu nehmen – anstatt zu versuchen, ihn zu überreden oder ihm sein Gefühl abzusprechen.
Phillip: In stressigen Situationen – wenn der Bus mal wieder festgefahren war oder die Bürokratie zugeschlagen hatte – hat sich zwar mal einer tierisch aufgeregt, aber dafür ist der andere ruhig geblieben und hat das Thema gemanaged. Wir haben uns kaum gestritten, dabei kam das davor in der WG häufiger vor.
Letzte Frage: Plant ihr jetzt eine weitere Tour?
Felix: Mich hat das Reisen im Fahrzeug so begeistert, dass ich es in absehbarer Zeit zu einem festen Bestandteil meines Lebens machen will. Ein kleiner Lkw, so zwölf Tonnen mit Wohnkabine … Und dann vielleicht Tadschikistan, Turkmenistan, Kirgistan – das hat ja alles was von Ladakh.
Phillip: Ich bin wieder in Bremen, wohne jetzt mit meiner Freundin zusammen und habe einen neuen Job. Direkt nach Indien wollte ich erst gar nichts mehr unternehmen, nicht mal nach Spiekeroog. Aber jetzt ist es schön, wieder hier zu sein.
»Die Reise hat uns als Freunde noch enger zusammengebracht. Das Wichtigste ist, jede Unzufriedenheit des anderen zuzulassen, zu verstehen und ernst zu nehmen.«
Zurück in Spiekeroog: Nach 16 Monaten auf großer Fahrt gehen Felix und Phillip wieder zelten. Mehr Fotos der Reise auf Instagram: @felixus_minimax