B-2-B – Roadtrip durch den Indian Summer

Lang lebe die Alliteration. Denn diese Geschichte die geht so: Eine Brasilianerin und ein Bayer fahren vom Bodensee nach Bamberg, übernachten in Burgen, haben ihre Bikes dabei und trinken ab und zu ein Bier. Nur der Indian Summer, den sie auf dieser Reise zu finden hoffen, dem fehlt leider das B. Schön war es aber trotzdem. Und bie ähhhh wie.

Fünf Tage Zeit im Oktober und Besuch aus Brasilien, dem man ein klein wenig imponieren möchte. Wie wäre es mit einem Roadtrip durch den Indian Summer? Denn den gibt es nicht nur im Osten Nordamerikas, wo im Herbst die Laubwälder förmlich zu explodieren scheinen und ein Feuerwerk der Farben entfachen, sondern auch bei uns in good old Germany.

Doch wo hin und wo lang genau? Ein gelungener Roadtrip braucht schließlich neben dem übergeordneten Motto auch eine ausgeklügelte Detailplanung und einen stringenten roten Faden. Wie wäre es hiermit? Start am Bodensee, Ziel in Bamberg. Und um den Besuch nicht nur mit tiefen Wäldern und historischen Fachwerkfassaden zu beeindrucken, reift der Plan, jede Nacht in einer richtigen Burg zu übernachten. Also schnell gegoogelt und die Suchworte Bayern + Burg + Hotel eingegeben. Und siehe da, es gibt genau vier in Frage kommende Unterkünfte: die Burg Rabenstein in der Fränkischen Schweiz, das Burghotel in Rothenburg ob der Tauber, die Jugendherberge Nürnberg und ein Schlosshotel am Bodensee, welches immerhin in Wasserburg liegt.

Jetzt fehlt nur noch das Mobilitätskonzept. Am besten eines mit Volt und Watt für die Portion Extraschub und das grüne Gewissen. Ein Kia XCeed Plug-in Hybrid zum Beispiel, samt Anhängerkupplung und Biketräger. Der stromert in Ballungsräumen sauber und leise bis zu 58 Kilometer rein elektrisch und ermöglicht in Kombination mit dem effizienten Verbrenner trotzdem nahezu unterbrechungsfreie Autobahnetappen. Und auf dem Fahrradträger warten zwei schmucke E-Gravel-Bikes mit Bosch-Motor von Cannondale auf uns. So können wir jeden Tag direkt nach der Ankunft am Hotel aufs Rad steigen, um Stadt und Land ringsherum pedalierend zu erkunden. 

Frische Brise am Bodensee

Als wir im strömenden Regen, da sind wirklich Hunde, Katzen und mehr dabei, am späten Montagnachmittag in Wasserburg ankommen, steht uns der Sinn erstmal nicht nach Fahrradfahren. So warm und wasserdicht könnten wir uns gar nicht anziehen. Stattdessen wohnen wir lieber unsere urige Herberge direkt am Wasser ab. Während draussen der Wind die Wellen mit ordentlich Karacho ans Ufer donnern lässt, spielen wir Burgfräulein und Schlossherr und schmökern gemütlich Bücher und spielen ein paar Partien Schach. Morgen, so meldet der Wetterdienst, soll es besser werden.

Nun … der Himmel ist noch immer wolkenverhangen und eine frische Brise hat bereits alle Laubbäume entblättert. Die Alpen am Horizont sind dagegen weiß überzuckert. Von wegen Indian Summer, hier ganz im Süden der Republik scheint eher »Winter is coming« die Devise. Entsprechend kurz ist unsere Fahrradtour. Einmal Löwe an der Hafeneinfahrt von Lindau und zurück. Den geplanten Besuch von Bregenz mit der imposanten Seebühne, wo derzeit die Kulisse von Rigoletto mit einem monströsen Clownsgesicht im Wasser dümpelt, sparen wir uns.

Lieber weiter nach Rothenburg. Die mittelalterliche Stadt an der Tauber ist sonst fest in der Hand der Asiaten und nach Hallstatt im Salzkammergut sicher der steingewordene Traum eines jeden Überseetouristen. Da im Jahr 2020 bekanntlich einiges anders ist, haben wir die Stadt gefühlt für uns allein. Innerhalb der komplett erhaltenen Stadtmauer hoch über dem Fluss kommen wir aus dem Staunen kaum noch heraus. Bereits 1940 ließ sich Walt Disney hier für die Kulissen von Pinocchio inspirieren und die Teile der ersten zwei Harry-Potter-Filme wurden sogar hier gedreht. Da staunt die Brasilianerin. Und ich auch.

Im Laubrausch

Ähnlich eindrucksvoll wie die Stadt selbst ist auch das Umland und so verwundert es nicht, dass der Tauber-Radweg zu den beliebtesten in ganz Deutschland gehört. Hier tauchen wir ein erstes Mal in gelb-rote Laubwälder ein, die wir gesucht haben. Dank er Gravelbikes (Rennräder mit dickeren Reifen) ist es egal, ob der Weg breit geteert ist oder sich als schmaler Pfad durchs Unterholz schlängelt. Unser Entdeckertrieb ist geweckt und so spulen wir Kilometer um Kilometer ab. Immer, wenn es am Talgrund aufgrund der tief stehenden Sonne – die heute aus allen Knopflöchern scheint –, geben wir dem Bosch-Ebike-Motor die Sporen und klettern hinauf auf die Hochebene, die bekannt ist für ihre lichten Streuobstwiesen. Aber auch im Wald selbst scheint oft die Sonne, denn das Laub ist schon zur Hälfte unten und reflektiert die durch die Baumkronen einfallenden Sonnenstrahlen. Wie durch einen gelben Tunnel zischen wir dahin und vergessen dabei oft Zeit und Raum.

»Ritter Rost, bist du es? Die Magie des Mittelalters ist in allen unseren Hotels spürbar und beeindruckt nicht nur Brasilianerinnen.«

Auch das Burghotel verdient die volle Punktzahl. Zwar auch keine richtige Burg, strahlt das verwinkelt in die Stadtmauer integrierte Haus durchaus Würde und Nostalgie aus. Der Blick hinab ins Taubertal ist sensationell und das Feierabendbier im Sonnenuntergang auf dem freischwebenden Minibalkon redlich verdient. 

Am nächsten Morgen cruisen wir nochmal durch die Stadt, sausen runter zur Tauber, den Gegenhang wieder rauf und retour. Statt joggen. Nur ohne Knie- und Hüftschmerzen 😉

Nächster Halt unseres Bayern-Express ist Nürnberg. Zuerst cruisen wir im Bereich des Tiergartens durch den Wald und bewundern den Schmausenbucker Sandsteinbruch. Hier haben die Mountainbiker schöne Trails durch den Lorenzer Reichswald angelegt, und von den Sprüngen einmal abgesehen, geht hier auch einiges auf dem Gravelbike.

Eine Jugendherberge zum Staunen

Als wir im letzten Büchsenlicht hoch zur Nürnberger Burg fahren, sind die Erwartungen an unsere Unterkunft minimal. Denn statt Hotel heißt es heute Jugendherberge. Und diese liegt auch nicht in der über 1000 Jahre alten Kaiserburg selbst, sondern in der Stallung daneben. Doch was der gemeinnützige Verein des Deutschen Jugendherbergswerks 2013 nach aufwendigster Renovierung wiedereröffnet hat, schlägt schon im Ansatz alles, was wir von früheren Klassenfahrten kennen. 93 moderne wie liebevolle Zimmer auf insgesamt 12 Stockwerken warten auf Gäste. Wir sind in einem der besten untergebracht: ganz oben, in einem Turm mit dem treffenden Namen Luginsland. Nix für Rapunzel, denn so lange Haare hätte sie sich nie und nimmer wachsen lassen können, um den Königssohn hier herauf zu bekommen. Wir nehmen dann auch besser den Aufzug und verbringen den Rest des Tages damit, hinunter auf das nächtliche Nürnberg zu schauen. Wow! 

Nach kurzem Frühstück und Auschecken das übliche Procedere: nachdem wir gestern die Peripherie Nürnbergs mit dem Bike erkundet haben, rollen wir noch ein bisschen über mittelalterliches Pflaster durch die Innenstadt, bevor wir Kurs auf die Fränkische Schweiz nehmen. Wer bis hierhin noch nicht auf den Geschmack gekommen ist, wie sich eine Nacht in einer richtigen Ritterburg anfühlt, der kommt spätestens jetzt zum Zuge. Die Burg Rabenstein thront mutig auf einem Felssporn über dem Tal der Ails und erfüllt wirklich alle Kinderklischees einer uneinnehmbaren Mittelalterfestung. Eine Übernachtung hier wird auch gern als Sightsleeping titulieren, Spukfantasien inklusive. Und als wäre die Burg allein nicht genug, locken noch eine Falknerei und eine Tropfsteinhöhle.

Bierspezialitäten in Bamberch

Vom Rabenstein nach Bamberg ist es nur ein mittlerer Katzensprung. Über Land geht es im Kia, dessen Batterie wir gestern während einer Biketour in Gößweinstein aufgeladen haben, gemütlich dahin. Überhaupt erzieht so ein Hybrid ganz wunderbar zum Spritsparen und nach jedem Berg freuen wir uns, wenn der Gleitflug bergab den Stromspeicher wieder um ein paar Prozent füllt. Als wir am Ende zum Finale in Bamberg einrollen, meldet der Bordcomputer 2,8 Liter Verbrauch. 

Bei einem halben Liter »Schlenkerla« stoßen wir schließlich auf diesen denkwürdigen Roadtrip an. Wieder einmal hat die Republik bewiesen, in was für einem fantastischen Reiseland voller Möglichkeiten wir da leben. Allein mit dem Schlenkerla, einen nach Schinken schmeckenden Rauchbier, die Bamberger mögen mir das verzeihen, kann man keine Brasilianerin beeindrucken. Da wäre auch mir ein Caipirinha lieber. Mit alten Steinen und einem Indian Summer in voller Pracht dagegen schon.

Der B-2-B-Roadtrip als, na klar, Bewegtbild. Film ab!

Alles für dein nächstes Fahrrad-Abenteuer

Text: Michael Neumann
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