Arktische Schotter-Helden

Unterwegs auf dem Dempster Highway im Yukon

Für euch – von euch. Ein Abenteuerbericht aus der Globetrotter Community – von Sven Sperber und Caroline Zwetsloot

In den Weiten des Panamericana-Highways, begleitet von unserem mal mehr mal weniger treuen VW T3 Syncro, nehmen wir – Caro (32) und Sven (34) – euch mit auf eine unvergessliche Reise. Seit April 2022 erkunden wir die Kontinente von Nord nach Süd – von der eisigen Pracht der Gletscher Alaskas bis hin zur unglaublichen Unterwasserwelt des Pazifiks und Atlantiks. Unser erstes großes Ziel gilt dem Yukon, ein unberührtes Juwel der Natur, welcher uns mit endlosen Weiten und unvergleichlicher Wildnis lockt. Wir entdecken den Zauber der Mitternachtssonne, die sich über spiegelklare Seen legt, und tauchen ein in die Geschichte der Goldsucher und der Kultur der Ureinwohner.

Start des Dempster Highways

1748 km – das ultimative Abenteuer oder reine Selbstquälerei?

Der Dempster Highway gilt zweifelsohne als eine der anspruchsvollsten und ausdauerndsten Routen auf unserer Reise, die wir unserem Fahrzeug, liebevoll „Moose“ genannt, zumuten. Das denken wir zumindest noch zu diesem Zeitpunkt, denn wir befinden uns gerade mal am Anfang unserer 2 bis 3-jährigen Reise auf der Panamericana. Bevor wir uns auf den Weg zum arktischen Ozean machen, sprechen wir ausgiebig mit verschiedenen Menschen, um herauszufinden, was uns auf dem Dempster Highway erwartet. Die Bandbreite der Meinungen reicht von “Die Straße ist so schlecht, dass eure Reifen und die Windschutzscheibe garantiert beschädigt werden” bis zu “Ihr werdet eine atemberaubende Landschaft und reichlich Wildtiere sehen.“ Ohne lange zu zögern begeben wir uns zur letzten Tankstelle 20 Meter bevor der Dempster Highway beginnt. Unser Ersatzkanister ist noch von der Forestry Trunk Road gefüllt, wir knipsen ein Foto vom Start und los geht’s, auf ein ultimatives Abenteuer, oder?

Voller Vorfreude und gespannt darauf was uns erwartet, finden wir am Anfang unserer Tour einen schönen, einsamen Platz zum Übernachten. Denn es ist bereits Abend, jedoch täuscht uns die ununterbrochene Helligkeit in Bezug auf die Tageszeit. Wir sind froh, dass Becky und Leo uns begleiten, da man bei dieser Strecke nie sicher sein kann, ob man nicht auf Pannenhilfe angewiesen ist. Wir genießen einen schönen Abend am Lagerfeuer, füllen unsere Wasservorräte mit Hilfe des Flusses auf und freuen uns auf die nächsten Tage.

Schlafplatz zu Beginn des Dempsters

Natur pur – unser Weg zum Polarkreis

Schon zu Beginn bestätigt sich, dass die Landschaft atemberaubend ist. Wir passieren viele verschiedene Landschaftsbilder sowie Pässe und versuchen diese auf Videos und Fotos festzuhalten. Doch die Kamera kann kaum einfangen, was wir mit den bloßen Augen bestaunen können. Tiefe hügelige Täler mit den majestätischen Bergen der Tombstone Mountains erscheinen vor uns wie eine faszinierende Kulisse, die die Wunder der Natur auf eindrucksvolle Weise präsentiert. Wir durchfahren Tundra-ähnliche Landschaften, Weiten mit großen Flüssen, mit Packeis bedeckte Fjorde und riesige grüne Seenlandschaften sowie nicht endende Bergketten der Richardson Mountains, die sich am Horizont aneinanderreihen. Die Vielfalt der Natur ist überwältigend, und es ist schwer alle Eindrücke zu verarbeiten.

Wilde Tiere bleiben uns leider dieses Mal verwehrt, wir sehen aber immerhin einen Elch und zwei Weißkopfseeadler, sowie ein paar Hasen am Straßenrand. Dann und wann sollten Autofahrer nicht nur auf den Straßen, sondern auch auf den Luftverkehr achten, denn einige Abschnitte des Highways dienen als Flugzeuglandebahn. Um uns zwischendurch die Füße zu vertreten, erfreuen wir uns an zahlreichen Wanderungen, die uns nochmal einen ganz anderen Blick auf den Dempster Highway bescheren.

Dempster Highway und Grizzly Lake Wanderung

Teilweise verschwindet die Landschaft aber auch im Dunst von Waldbränden in Alaska, wie uns Einheimische berichten. Auch unser Moose verschwindet allmählich im Staub und Dreck und wir müssen ein kaputtes Licht vorne links vom Steinschlag verzeichnen sowie nicht mehr funktionierende Scheinwerfer und ein laut dröhnendes Vibrationsgeräusch, welches wir einige Tage später einem Stein im Motorraum zuordnen können. Auf den Straßen herrscht eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 80 oder 90 km/h. Falls uns ein Auto entgegenkommt, was zum Glück nicht allzu oft vorkommt, sehen wir vor lauter Staub lange Schrecksekunden nichts. Lediglich das Knallen des Schotters, welcher gegen das Auto fliegt, erfüllen unseren Fahrerraum.

Leider trifft es auch Becky und Leo mitten auf die Frontscheibe. Wir fragen uns, ob sie sich möglicherweise wünschen, uns nicht hier her gefolgt zu sein. Wir setzen unsere Fahrt dennoch weiter fort und erreichen auf halber Strecke eine Tankstelle im beschaulichen Eagle Plains. Eins haben wir mittlerweile verinnerlicht: Tanke voll an jeder Tankstelle, die du siehst. Gesagt, getan, wir tanken voll und verdrängen den Blick auf die Rechnung, denn es ist teuer, so wie alles hier. Einige 40 km weiter erreichen wir den Polarkreis mit dem Hinweisschild „Arctic Circle LAT 66° 33 N“. Ab hier wird die Landschaft karger und die Berge kleiner. Bei Kilometer 456 verlassen wir den Yukon, um die Northwest-Territories zu befahren. Ab hier wird neu gezählt und die bis hierhin gelben Hinweisschilder fangen nunmehr auf blauen Kilometermarkern bei Null an zu zählen. Auch gilt nun die Mountain Standard Time, was bedeutet dass die Uhren eine Stunde vorgestellt werden müssen. Aber was spielt das hier für eine Rolle?

Der „Arctic Circle LAT 66° 33 N“. Willkommen am Polarkreis!

Tuktoyaktuk – Mitternachtsonne und Permafrost

Nach zwei kurzen und sehr zweckmäßigen Fährüberfahrten kleiner Flüsse, erreichen wir bei Kilometer 272 Inuvik, Kanadas größte Stadt nördlich des Polarkreises. Unser Auto sieht mitgenommen aus und braucht eigentlich dringend eine Wäsche. Zwar versuchen Straßenarbeiter unentwegt die Piste zu bewässern und instand zu setzen, doch die dicken Lastwagen mit ihren riesigen Staubwolken lassen eine dauerhaft gepflegte Straße kaum zu. Es ist 30 Grad und die Sonne brennt 24 Stunden auf uns hinab. Kaum vorstellbar, dass wir uns in der kanadischen Arktis befinden. Wir duschen uns in der ca. 3.000 Einwohner Gemeinde den Staub ab, der unsere Haare bereits steif gemacht hat, holen uns Sandwiches auf die Hand und tanken erneut auf, bevor wir uns spät abends auf die letzte Etappe zum nördlichsten Punkt nach Tuk begeben.

Zwischenstopp in Inuvik: Lady of Victoria Church und Tankstelle

Um Mitternacht erreichen wir unser Ziel bei wunderbarem Wetter. Die Sonne scheint sinken zu wollen, aber in Wirklichkeit bleibt sie stehen und bereitet sich schon auf den Sonnenaufgang vor. Wir treffen auf alte Bekannte aus Halifax, die Freude ist groß. Insgesamt herrscht eine besondere Atmosphäre, zum einen, weil es sich wirklich anfühlt, wie das Ende der Welt und zum anderen, weil es unser nördlichster Punkt der Reise sein wird. Wir trinken noch einen warmen Apfelsaft mit Amaretto und gehen um halb 2 – bei Tageslicht – ins Bett.

Polarmeer um Mitternacht in Tuktoyaktuk

Am nächsten Morgen erkunden wir das kleine Dorf etwas genauer, kommen mit vielen Einheimischen ins Gespräch und erfahren von den Herausforderungen, mit denen die etwa 1.000 Menschen in dieser abgelegenen Region zu kämpfen haben. Ein erheblicher Teil von ihnen hat mit Alkoholproblemen zu tun und die Temperaturen von 15-20 Grad Celsius empfinden sie als viel zu warm. Einer der Einheimischen erzählt uns, dass er -40 Grad problemlos aushalten könne, aber 30 Grad seien für ihn unerträglich. Währenddessen rückt das Packeis aufgrund des Windes immer näher und Sven, Becky und Leo wagen sogar ein kurzes Bad im frostigen Meer. In Wahrheit ist es jedoch nicht so schlimm wie befürchtet, denn das Meer ist im Vergleich zu anderen Gewässern, in denen wir in den vergangenen Wochen badeten fast schon angenehm. Apropos Frost, wir befinden uns in unmittelbarer Nähe eines Friedhofes und werfen einen Blick auf die herausfordernde Situation, die sich durch das Vorhandensein des Permafrosts ergibt. Hier haben die Einheimischen über Jahrhunderte hinweg ein eigenes Konzept entwickelt und etabliert, um mit den klimatischen Bedingungen erfolgreich umzugehen. Bei einem Todesfall ist es notwendig, einen Presslufthammer (früher: Spitzhacke) einzusetzen, um das Grab zu öffnen und die Bestattung vornehmen zu können. Ihre Häuser stehen auf Stelzen, um dem Permafrostboden ganzjährig zu entgehen. Der Dauerfrostboden hat jedoch auch seine Vorteile und dient als ganzjähriger Kühlschrank, den die Einheimischen gemeinsam für ihre Lebensmittel nutzen.

Zwischen Segen und Fluch – Die Dualität des Highway

Wir treffen – laut Einheimischen – den besten Jäger der Gemeinde, der während unseres Besuchs in seinem Haus Geweihe und Knochen schnitzt. Überall hängen ausgestopfte Wolfs- und Bärenschädel. Wir überlegen kurz, ein Caribou-Fell für unsere Campingstühle zu kaufen, entscheiden uns jedoch dagegen, da wir noch unsicher sind, wie das mit dem Zoll funktioniert und das Fell ein dickes Loch in unsere Kasse reißen würde. Der Jäger erzählt uns ebenfalls von den Alkoholproblemen der Gemeinde. Er selbst konsumiert keinen Alkohol, erklärt er in einer dichten Marihuana-Wolke sitzend. Er bezeichnet uns als „Weiße“, was für uns eine neue Erfahrung ist, weil wir bisher noch nie so angesprochen wurden. Die Straße, die den Ort mit der Außenwelt verbindet, wird von ihm als Segen und Fluch zugleich betrachtet. Die Auswirkungen der Öffnung der Schotterpiste sind noch nicht vollständig absehbar, aber sie hat die Isolation der Gemeinde verringert. Wir sind gespannt, wie sich Tuk in den kommenden Jahren entwickeln wird und sind dankbar es noch in seiner natürlichen Schönheit erleben zu können. Es bleibt für uns eine unvergessliche Erfahrung die Inuvialuit kennenzulernen und zumindest ein bisschen von ihrem Leben erfahren zu dürfen.

Friedhof von Tuktoyaktuk und ein schöner Blick auf den Ort

Am frühen Abend machen wir uns wieder auf den Rückweg. Ab der Hälfte der Strecke schließt sich ein weiteres Auto unserer Kolonne an. Wir übernachten auf einem Hügel neben dem Highway und setzen am nächsten Morgen unsere Fahrt gemeinsam fort. Obwohl wir die Strecke bereits kennen, gibt es immer wieder beeindruckende Momente, wie unsere Mittagspause an einem Fluss. Wir sind immer wieder fasziniert von der Weite der Natur, der tiefen Einsamkeit und der ungestörten Stille, die uns umgibt. Unsere Mittagspause wird von allerlei kulinarischen Leckerbissen begleitet, während wir das leise Rauschen des Flusses im Hintergrund genießen, bevor unser Rückweg fortgesetzt wird. Der Iveco der beiden Ungarn hat kurzzeitig Startprobleme, die jedoch mit einem Schlag auf den Anlasser gelöst werden können. Wir sind unglaublich froh die Straße erfolgreich gemeistert zu haben und nehmen großartige Erinnerungen mit. Gleichzeitig sind wir aber auch erleichtert wieder festen Boden unter den Reifen zu spüren und ein paar Tage in Dawson City zu entspannen.

Unsere Kolonne auf dem Dempster Highway mit Mittagspause am Ogilvie River

Dawson City – ein Ort aus einer vergangenen Ära

Wir kommen abends alle völlig erschöpft in Dawson City an. Ferenc gibt eine Runde aus. Aus purer Dankbarkeit und Erleichterung, sagt er und zahlt schließlich fast den ganzen Abend. Wir starten unsere Bar-Tour in der Downtown Hotel-Bar mit dem legendären Sourtoe-Cocktail und der wichtigsten Zutat, einem menschlichen Zeh – Igitt! Der Drink geht auf Captain Dick Stevenson zurück, der ihn in den Siebzigerjahren erfand. Alles begann mit einem Zufallsfund: Im Jahr 1973 entdeckte ein Einwohner des Yukon in einer verlassenen Hütte einen abgetrennten menschlichen Zeh, der in Alkohol konserviert war. Gemeinsam mit seinen Freunden entwickelte er einen Drink und formulierte Regeln, die beim Trinken des Cocktails zu beachten waren. Die wichtigste Regel lautet: “You can drink it fast, you can drink it slow, but your lips must touch the toe.“ Der Zeh darf demnach weder verschluckt noch abgebissen werden, was offenbar bereits vorgekommen war und mit einer Strafe von 2.500 Dollar geahndet wurde. Gelegentlich erhält die Bar Spenden von unbekannten Menschen, um die Tradition am Leben zu erhalten.

Dawson City – eine Stadt zum Bestaunen

Der Abend endet in ausgelassener Stimmung. Wir treffen den Bürgermeister, der bekifft auf seinem Specialized Fahrrad unterwegs ist, und fallen schließlich in den frühen Morgenstunden betrunken ins Bett. Der folgende Tag ist dementsprechend träge, insbesondere für Sven. Caro beginnt damit, den Innenraum unseres Autos von den Spuren des Dempster Highways zu befreien. Wir finden, dass wir noch relativ wenig Schmutz angesammelt haben, als wir unsere Nachbarn aus München und Australien sehen, die fast kartonweise Staub mit sich herumfahren. Wir entdecken einige Stellen rund ums Auto, wo wir eine Menge Lack durch die Steine verloren haben und entscheiden, ein bisschen Fett drauf zu schmieren und zu einem späteren Zeitpunkt ggf. Raptor Lack aufzutragen. Vielleicht in Mexiko? Jeder werkelt ein bisschen am Auto herum, repariert was auf dem Dempster kaputt gegangen ist und legt in Dawson eine entspannte Pause ein, bevor es weiter geht.

Goldrausch, Bars und Midnight-Shows

Wir beschließen, etwas länger zu bleiben. Uns gefällt es hier irgendwie: zwischen 300 bis maximal 1.400 Einwohnern, bunten Holzhäusern und coolen Bars. Außerdem wollen wir den Canada Day hier feiern und nehmen an einer kleinen, aber feinen Parade teil. Nach dem Vortrag des Bürgermeisters haben wir keine Zweifel mehr daran, dass er uns nicht veräppelt, er ist tatsächlich der Bürgermeister. Es ist amüsant zu sehen, dass anschließend eine Rap-Band auftritt, welche aufgrund der vielen Kinder im Publikum sämtliche Schimpfwörter aus ihrem Repertoire streichen muss. Wir plaudern bei einem anschließenden kostenlosen Grillfest noch eine Weile mit dem Bürgermeister, machen ein Foto vor einer riesigen kanadischen Flagge und genießen es, etwas länger an einem Ort zu verweilen.

Am nächsten Tag soll es für uns – ausgestattet mit Pfannen – zum Goldwaschen gehen, denn das macht die Stadt aus, wie sie heute ist. Im Sommer des Jahres 1896 wurde Gold am Rabbit Creek entdeckt, was den größten Goldrausch der Welt auslöste. Abenteurer aus allen Teilen der Erde überwanden enorme Herausforderungen, um das Klondike-Gebiet zu erreichen. Schätzungsweise 30.000 bis 40.000 Menschen strömten hierher. Obwohl der Goldrausch vor vielen Jahren endete, gibt es auch heute noch Goldvorkommen in der Region. Wir versuchen unser Glück am freien Claim Nummer 6. Leider vergeblich.

Goldwaschen an Claim 6 und Sourtoe-Cocktail in Dawson City

Den Abend verbringen wir bei einer Mitternachts-Show in einer Art Casino und wir sind begeistert. Insgesamt gefällt es uns in Dawson City sehr und wir knüpfen viele nette Bekanntschaften. Besonders Sven ist wie immer bekannt wie ein bunter Hund. Selbst der Bürgermeister wundert sich darüber, wie viele Leute ihn beim Vorbeigehen mit “Hey Sven“ begrüßen. Den letzten Abend verbringen wir mit einer grandiosen Aussicht auf Dawson und den Yukon River. Wir grillen und genießen unseren vorerst letzten gemeinsamen Abend, bevor jeder von uns wieder allein aufbrechen wird. Wir sind uns jedoch sicher, dass wir den ein oder anderen irgendwann wiedersehen. Alaska, here we come!


Wir stehen bereits in den Startlöchern für den nächsten Kontinent und können es kaum erwarten Südamerika zu bereisen. Wenn Ihr Teil unserer Abenteuerreise sein wollt, folgt uns auf Instagram unter @expeditionsyncro.

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