Ein Sommer auf der Alm

Sabrina Stadler erfüllt sich einen Kindheitstraum: weg von allem, in den Bergen, einen ganzen Sommer lang. Der Fotograf Dietmar Denger hat sie besucht.

Was? Ohne fließendes Wasser, ohne Stromanschluss? Wie geht das denn? Viele Freunde sind überrascht, wenn ich von meiner Zeit auf der Alm erzähle. Ein ganzer Sommer oben in den Bergen – davon hatte ich schon als Mädchen geträumt. Als ich erwachsen wurde, blieb die Sehnsucht nach Einfachheit, nach Reduktion auf das Wesentliche. Und welcher Ort steht mehr für das Elementare und die Entschleunigung als eine Alm? Gut, ein ordentlicher Schuss Romanti­­k ist natürlich auch dabei.

Dietmar Denger Sommerglück: dem Himmel nah und Blick auf den Tegernsee.

So kommt es, dass ich mich Mitte Juni in einer kleinen bayerischen Almhütte wiederfinde, umringt von über 30 Kalbinnen und Ochsen, die in den Bergen zwischen Tegernsee und Schliersee den Sommer verbringen. Bis zum Almabtrieb bin ich für die Tiere verantwortlich. Kaltes Wasser kommt aus einer nahen Quelle, Strom aus einem Solarpanel – gerade genug zum Radiohören und Handyladen. Geheizt und gekoch­­t wird mit einem Holzofen aus Uromas Zeiten. Lebensmittel hole ich einmal die Woche zu Fuß aus dem Tal, eine Fahrstraße gibt es nicht. Ich mache das alles alleine, begleitet von meinen beiden Hunde­­n, die vom Berglerleben mindestens so begeistert sind wie ich.

Über private Kontakte kam Sabrina an den Sommerjob. Sie wohnt alleine in einer kleinen Hütte mit zwei Räumen, alle Lebensmittel muss sie selbst aus dem Tal hochtragen.

Auf einer Alm gibt die Natur den Rhythmus vor, doch es braucht Zeit, um in diesen Takt zu kommen. Wie rasch die gewohnte Alltagshektik wieder das Kommando übernimmt, zeigt sich, als ein Freund seinen Besuch angekündigt: Da muss ich ja noch Kuchen backen, Blume­­n auf den Tisch stellen, Kräuter für einen Sirup sammeln! Wie selbstverständlich spule ich das übliche Programm ab. Dann wird es mir klar: Niemand anders ist für den Stress verantwortlich, den ich mir selbst mache. Ich alleine entscheide, was ich wann in welcher Geschwindigkeit erledigen und leisten möchte. Ich muss über mich selbst schmunzeln.

»Ist die tägliche Almarbeit erledigt, heißt es Wasser schleppen, Holz hacken, kochen. Alles, was du haben willst, musst du selbst machen.«

Zugleich machen sich Freude und Dankbarkeit breit. Es fühlt sich an, als hätte ich eine nicht ganz neue, aber für mich sehr wichtige Erfahrung gemacht. Wenn ich morgens das Klingen der Kuhglocken höre, wenn mir der Wind den Duft von Holz und Kräutern um die Nase weht, wenn ich den Arbeitstag mit einem leuchtenden Sonnenuntergang beende, dann erfüllen sich meine wildromantischen Träum­e. Die kleinen Dinge können uns so glücklich machen.

Dietmar Denger Zurück vom »Schwenden«. Das getrocknete Unkraut dient als Ofen-Zunder.

Dieses Leben im Einklang und nach den Regeln der Natur, das Sich-klein-Fühlen und den Elementen ausgeliefert sein – mit Sicherheit ist das nicht für jede oder jeden geeignet. Doch wer diese Erfahrung einen Sommer lang machen, wer in diese spezielle Welt eintauchen durfte, den lässt diese Art zu leben so schnell nicht mehr los. Einfach und naturverbunden.

»Welcher Ort steht mehr für das
Elementare und die Entschleunigung als eine Alm? Gut, ein ­ordentlicher Schuss Romantik ist auch dabei.«

Oft werde ich gefragt: Was hast du als Erstes getan, als du im Herbst wieder im Tal warst? Den Kleiderschrank ausgemistet. Mehr als zwei Hosen und drei T-Shirts habe ich auf der Alm nicht gebraucht. Wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, ist weniger meistens mehr.

Text: Sabrina Stadler
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