Albanien: Paddeln auf der Vjosa

Über zehn Jahre haben Umweltaktivisten (erfolgreich) gegen einen Staudamm an der Vjosa gekämpft, nun soll als nächster Schritt ein Nationalpark etabliert werden. Höchste Zeit für einen Ortstermin im Süden Albaniens.

Wir sind Kinder der Ostsee und begeisterte Seekajakfahrer. Entsprechend schwer fällt es uns, nach der Ankunft in Albanien nicht gleich ans Mittelmeer abzubiegen, sondern das Land bis zur griechischen Grenze zu durchqueren. Nach drei langen Tagen im Auto fühlen wir uns etwas angematscht, als wir schließlich in Permet ankommen. Das Autothermometer zeigt 30 Grad, doch vom Fluss weht uns eine willkommene frische Brise entgegen. Die Vjosa ist eiskalt. Schmelzwasser. Es ist bereits Juni, doch im Hintergrund blitzen noch schneebedeckte Bergspitzen. Was für ein Paradies!

Schnell sind wir uns einig: So einen Fluss haben wir in Europa noch nie gesehen. Wild und ungezähmt. Bei uns zwängt man Flüsse lieber in ein enges Korsett und be­gradigt sie, wo immer es geht. Man hat sie aufgestaut, regulie­rt, umgeleitet – und dabei komplexe Ökosysteme unwiederbringlich zerstört.

Ein Fluss in Europa, der von der Quelle bis zur Mündung ungezähmt fließt wie seine kanadischen Artgenossen? Vjosa, wir kommen!

Michael Neumann Erst Canyoning, dann Enjoying in der heißen Quelle – die Region am Vjosa-Oberlauf hat viel zu bieten.

Was sich nun vor uns durch sanfte Kurven windet und immer neue Wege in ein stellenweise kilometerbreites Flussbett gräbt, ist das absolute Gegenteil davon. Die Vjos­a entspringt als Aoos in Griechenland und fließt auf fast 200 Kilometern quer durch Albanien, wo sie bei Vlora ins Mittel­meer mündet. Ständig wechselt die Vjosa zwischen breitem Kiesbett und kleinen Niederklammen, deren Wände aussehen wie gestapelte Pfannkuchen. Kleine Dörfe­­r säumen hin und wieder die Ufer, doch vom Wasser aus sind sie nur selten zu sehen.

In einer Woche wollen wir auf ihr 170 Kilometer zurücklegen. Je nach Wasserstand erreicht die Vjosa dabei wildwassertechnisch die Schwierigkeit drei auf der insgesamt sechs­stufigen Skala. Zum Glück haben wir Salzwasserratten kundig­­e Begleitung. Unser mit allen Wildwassern ge­waschener Kumpel Jobst hat sich bereit erklärt, uns unterwegs einen Crashkurs in Sachen Fahrtechnik, Fließwassertaktik und Gefahrenerkennung zu geben. »Learning on the job« sozusagen. Wind und Welle kennen wir, aber Katarakt­e, Unterspülungen und Baumverhaue sind für uns Böhmisch­­e Dörfer – und stellenweise lebensgefährlich.

Ritt auf dem D-Zug

Schon der Einstieg sieht anspruchsvoll aus. Das Wasser schießt geradewegs auf eine scharfkantige Felswand zu und türmt sich davor meterhoch auf – nur um dann abrupt nach links abzurauschen. Was, wenn wir kentern? Plötzlich bin ich sehr froh über Helm, Schwimmweste und Neoprenkleidung, auch wenn ich beim Anziehen in der Sonne viel geschwitzt und noch mehr geflucht habe. Aber wie heißt es doch so schön im Paddlerlatein: »Dress for water, not for air«. Und das hat statt 30 eben 13 Grad.

Gegen Kentern hat auch unser Boot was. Ein aufblasbarer Zweier vom Luftbootspezialisten Grabner, dessen hoch­gestellte Spitzen uns über Wellen und Walzen hieven sollen und das insgesamt eine prima Knautsch­zone darstellt, wenn wir doch mal einen Fels touchieren.

Mein Freund und – in diesem Fall auch – Steuermann Eike sitzt hinten, aber ich muss vorne kräftig mithelfen, damit wir sicher durch die Strömung navigieren. Häufig schreit Eike von hinten: »Paddel, paddel, paddel!«, denn nur der maximale Vortrieb gibt ihm alle Karten in die Hand, um den Kahn auch dahin steuern zu können, wo er hin soll. Die ersten Kilometer sind wir noch etwas angespannt. Jobst klärt auf: »Die Vjosa ist wie ein D-Zug. Nicht übermäßig schnell und verschlungen, doch einmal in Schwung, gibt es kein Halten mehr.« Einfach den Pause­knopf drücken und verschnaufen ist in den langen Schwall­strecken schlicht keine Option. Doch mit jedem Meter passen wir unsere Seekajak-Skills an die neue Diszipli­­n an und die Angst weicht der Freude, ohne dabei den Respekt zu verlieren. Wir sind schnell unterwegs und springen nur so über die Wellen. Die Vjosa ist unsere ganz persönliche Achterbahn. Immer wieder schwappt eine fette Ladung eiskaltes Wasser ins Boot, aber unsere Ausrüstun­­g ist wasserdicht verstaut und eine Abkühlung sehr willkommen.

Albanien hat nagelneue Autobahnen – und Nebenstrecken, die schwerer zu befahren sind als das Wildwasser der Vjosa.

Bootfahren statt Ballermann

Die erste Etappe endet in der Stadt Permet. Zeit, das Auto vom Einstieg nachzuholen und die Region zu er­kunden. Nur wenige Kilometer entfernt gibt es warme Thermalquellen und eine Schlucht, die die wenigen Touristen anziehe­­n. Denn während manche Küstenorte mit ihren hässlichen Betonbauten eher in die Kategorie Ballermann fallen, lohnt die Entdeckung von Albaniens Hinterland. Die Menschen, die wir treffen, freuen sich über unseren Besuch und wir lernen, dass man sich hier große Mühe gibt, sanfte Tourismus­konzepte zu entwerfen, von denen viele Ein­heimische profitieren können.

Eines dieser Konzepte sieht vor, dass die Vjosa auf ihrer gesamten Länge unter Schutz gestellt wird. Viele wünschen sich einen Nationalpark nach inter­nationalen Standards. In einem Interview bei einer Veranstaltung von Riverwatch betont der Bürger­meister von Permet, wie wichtig ihm das sei. Ein National­park dürfe nicht nur auf dem Papier exis­tiere­n– so wie andern­orts in Albanien.

Für uns geht es erstmal weiter flussab. Die wildesten Stromschnellen haben wir hinter uns gelassen. Doch die Strömung treibt uns schnell voran und das eine oder andere Mal können wir nur knapp einem Hinderni­­s ausweichen. Fast so schnell wie der Fluss fließt, verändert sich die Landschaft um uns herum. Die Berg­­e weichen zurück, das Flussbett wird stetig breiter und die Wassermenge nimmt durch Seiten­bäche beständi­­g zu.

Dem Kraftwerksteufel von der Schippe gesprungen

Bisher ist unsere Reise auf der Vjosa temporeich und aufregend gewesen. Aber nun sind wir uns zum ersten Mal nicht sicher, ob wir unsere Tour in der angedachten Zeit schaffen werden. Der Wind hat aufgefrischt. Weht stark vom Meer in Richtung Berge, uns direkt entgegen. Am Ende eines langen Paddeltags kommen wir auf einmal nur Meter für Meter voran.

Noch vor Erreichen des gesetzten Tagesziels schlage­n wir uns in die Büsche. Feierabend, wir können nicht mehr. Oft sind die Ufer hier Niemandsland und die Suche nach dem schönsten Lagerplatz wird allein von sinkender Sonne und steigendem Hunger bestimmt.

So verbringen wir unsere erste Nacht im Zelt schließlich an der Mündung eines glasklar sprudelnden Seiten­baches. Perfekt für die Katzenwäsche und als Geschirrspülmaschine. Der Blick fällt stromabwärts in das kilo­meter­­breite Kiesbett, in dem die Vjosa nach Herzenslust mäandern darf. Mit jedem Hochwasser ändert sie ihren Lauf und macht daher eine flussnahe Bebauung weitest­gehend unmöglich. Entsprechend gering sind die Schäde­n, wenn hin und wieder die Frühjahrs­schnee­schmelze auf warmen Gewitterregen trifft. Das sonst obligat­­e Lagerfeuer bleibt aufgrund des böigen Windes heute aus. Dafür bekommen wir Besuch von einem Schäfer, dem wir mit unserem Feuerzeug aushelfen können. Auch wenn die Kommunikation nur mit Händen und Füßen ­gelingt, ist es immer wieder eine Freud­e, wie sehr wir uns in Albanien willkommen fühlen.

Am nächsten Tag paddeln wir durch eine wunder­schöne mediterrane Schlucht. Rechts und links von uns steile, dicht bewaldete Hänge. Keine Straße, nicht einmal ein Trampelpfad weit und breit. Mittendrin ein perfekter Pausenplatz. Schattig, kühl und nur per Kanu erreichbar. Doch um ein Haar hätten wir (und nachfolgende Generationen) das alle­s nie gesehen. Am Ende der Schlucht sind riesige Stufen in die Hänge geschlagen. Was aussieht wie eine Treppe für Riesen, ist die Fundamentgründung eines Staudamms. Fast 60 Meter hoch und 500 Meter breit hätte der Damm in der Nähe des Ortes Kalivaç werden sollen. Heute rosten hier Baumaschinen und Silos vor sich hin, ein scheinbar vom Hochwasser fortgespülter Bagger steht mitten im Flussbett. Die Arbeiter scheinen von einem auf den anderen Tag einfach nach Hause gegangen zu sein.

Bereits heute stammen fast 100 Prozent der in Albanien erzeugten Energie aus Wasserkraft. Das hört sich erst einmal sehr nachhaltig an. Wasserkraft ist doch grün, oder? Ganz so einfach ist es nicht. Die Eingriffe in die Natur sind oft massiv. Die schöne Schlucht, durch die wir eben noch gepaddel­­t sind, wäre dahin. So wie die 30 Kilometer Fluss oberhalb. Der Lebensraum viele­r seltener Arten wäre zerstört. Und auch die Menschen der Region sind auf den Fluss angewiesen. Die Vjosa trägt nährstoffreiche Sedimente mit sich, die bei regelmäßigem Hochwasser oder durch den Wind über die Felder verteilt werden und sie sehr fruchtbar machen. Auch das wäre mit einem Staudamm Geschichte.

Bereits in den 80er Jahren wurde Albaniens größter Fluss, der Drin, nahezu komplett zerstört.

Es ist wohl dem Engagement von NGOs wie Eco Albania, Riverwatch und Euronatur zu verdanken, dass einer der letzten Wildflüsse Europas weiter frei fließen darf. Zeit­weise waren 45(!) Staudamm-Projekte an der Vjosa und ihren Zuflüssen geplant. Gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung konnten die meisten verhindert werden. Zuletzt hat das Verwaltungsgericht in Tirana entschieden, dass der Bau bei Kalivaç nicht wieder aufgenommen werden dürfe. Ob dies­e Entscheidung endgültig ist? Wir hoffen es sehr.


#VJOSANATIONALPARKNOW

Im Rahmen der »Save the Blue Heart of Europe«-Kampagne zum Schutz der Flüsse auf dem Balkan wird auch für einen Nationalpark an der Vjosa geworben. Ein Überblick über bisherige Maßnahmen und was man selbst tun kann: www.balkanrivers.net/de/vjosa-nationalpark-jetzt

Zu dieser Reportage gibt es auch einen Film. Kim und Eike zeigen ihn diesen Herbst live in den ­Globetrotter Filialen.

Hamburg, 16.11. Berlin, 17.11. Köln, 18.11. (weitere Termine: www.globetrotter.de/veranstaltungen)

Ein lesenwertes Interview mit Wildwasser-Paddler und Umweltaktivist Rok Rozman gibt es hier.


https://youtu.be/-Mh-C_WSnVg
Aktuell arbeiten Kim und Eike an einer Filmdokumentation über die Vjosa, welche im Spätherbst in einigen Globetrotter-Filialen zu sehen sein wird. Hier schonmal ein kleiner Vorgeschmack …

Lebensader Vjosa

Nach einer weiteren Nacht auf einer Flussbank mitten im Nirgendwo nehmen wir Kurs auf die Mündung. Wir haben uns für den letzten Tag viel vorgenommen. 60 Kilometer müssen wir schaffen und sind nicht sicher, ob uns der Gegenwind dabei nicht einen Strich durch die Rechnung macht. Hier rächt sich der geringe Tiefgang des im Oberlauf so perfekten Bootes. Die Kursstabilität ist dadurch minimal und jede Windböe muss mit einem zusätzlichen Steuerschlag ausgeglichen werden.

Wieder sieht die Landschaft ganz anders aus. Die Ufer des Flusses sind nun von sandigen Abhängen gesäumt, in denen Tausende Schwalben ihre Höhlen gebaut haben. Hin und wieder paddeln wir unter flussbreiten Hebe­netzen hindurch, die bedrohlich über unseren Köpfen schweben. Besser jedoch, sie sind über uns, als dass sie mittels eines ausrangierten Automotors gerade hochgehievt werden, wenn wir darüberpaddeln.

Ab Fitore ist Ausdauer gefragt. Die Strömung hilft nur noch wenig. Jetzt bringt uns allein unsere eigene Kraft voran. Das gestaltet sich unter der albanischen Sonne als sehr schweißtreibendes Unterfangen. Auch die dritte Schicht Lichtschutzfaktor 50 bringt bald nicht mehr den erwünschten Effekt. Ich verstecke mich unter einer Cap und einem langärmeligen T-Shirt, ein zweites ziehe ich verkehrt herum über meine Beine.

Michael Neumann Eine ganze Tagesetappe auf einem Bild – denn auch wenn man das Meer schon sehen kann, windet sich die unbegradigte Vjosa bis dahin noch 40 Kilometer.

Irgendwann hat uns die Sonne auch den Sinn für die schöne Landschaft ausgebrannt. Stumm paddeln wir voran und wünschen uns hinter jeder Kurve die Mündung herbei. Pünktlich zum Sonnenuntergang haben wir es geschafft. Die Paddel in der Hand fühlen sich plötzlich wieder ganz leicht an. Wir lassen uns glücklich ins Meer treiben und freuen uns, endlich wieder Salz zu schmecken, das nicht vom Schweiß auf unserer Haut stammt. Spätestens die folgend­­e Dachzeltnacht im Mündungs­delta versöhnt uns gänzlich mit den Strapazen. Noch lange liegen wir wach und können uns gar nicht satthören am nächtlichen Konzert all der Tiere, die diesen weitgehend intakten Naturraum als Wohnzimmer und Konzertsaal haben.

Und jetzt seid ihr dran

Unsere Reise auf dem Fluss ist erstmal zu Ende, aber sie lässt uns nicht los. Wie wird es wohl mit ihm weitergehen? Wird es gelingen, den Fluss langfristig zu schützen? Die Aufmerksamkeit ist da. Der Aufruf, die Vjosa zum Nationalpark zu machen, ging dank der fleißigen Arbeit der NGOs um die Welt. Selbst Stars wie Leonardo DiCaprio engagieren sich und nutzen die Reichweite ihrer sozialen Medien, um für die Vjosa zu trommeln. Aber es gibt noch viel zu tun, denn viele weitere Flüsse auf dem Balkan sind bedroht. Bei uns in Mitteleuropa haben wir zu spät begriffen, was wir da eigentlich zerstören, und betreiben nun großen Aufwand, um unsere Flüsse wieder zu renaturieren. In Albanie­n ist es noch nicht zu spät, intakte Flusslandschaften vor der Verbauung zu bewahren. Los geht’s! 


DAS NEHM ICH MIT

Alles für deinen nächsten Paddeltrip

MICHAEL NEUMANN
Der Chefredakteur des Globetrotter Magazins paddelt seit 35 Jahren und meint: Die Vjosa gehört auf jede »Bucketlist«.

Text: Kim Mauch
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