Früh an den Fels

5 Klettergebiete für den Frühling

Raus aus der Halle, ran an den Fels: Wir stellen fünf Regionen in Europa vor, in denen man schon früh im Jahr besonders gut klettern kann.

1. Paklenica

Kroatien

Im Paklenica Nationalpark gibt es Leisten statt Liegestühle und Schlüsselstellen statt Sonnenbrand. Willkommen im etwas anderen Kroatien – und einem der schönsten Klettergebiete Europas.

»Paklenica« mag irreführend »kleine Hölle« heißen, doch offenbart der Nationalpark in Kroatiens Velebit-Gebirge seit 1949 eher himmlische Züge auf 96 Quadratkilometern. Seine aschgrauen Felswände und Schluchten erinnern an Frankreichs Verdon und machen ihn zu einem Top-Kletterziel Kroatiens. Mit über 400 Routen – von Bouldern bis zu Bigwalls – ist die Fels-Vielfalt unübertroffen: Im Nationalpark findet man von der kompakten Platte über den Sinter-Überhang bis hin zum Wasserrillen-Wunderland so ziemlich jede Spielform, die Kalkgestein so hergibt. Das Kletter-Potential ist schier unendlich, doch wer in Paklenica klettern will, der sollte eines mit im Gepäck haben: genügend Hornhaut! Der Kalk ist hier nämlich von phänomenaler Rauheit.

Neben seiner Klettervielfalt kennt man die Paklenica-Schlucht auch als Filmkulisse der Winnetou-Filme. Die leichte Zugänglichkeit, anfängerfreundliche Klettergärten und gut ausgebaute Wanderwege ziehen Naturliebhaber wie Filmfans an. Doch Vorsicht: Der starke Fallwind Bora kann die Temperaturen rasch sinken lassen. Dennoch sind die Übergangszeiten ideal für Besuche, vor allem der Frühling, wenn die Natur langsam erwacht, die Strände weniger bevölkert sind und die Kletterbedingungen bei moderaten Temperaturen optimal. Nach einem langen Klettertag gibt es kaum etwas Besseres, als am Strand einen einsamen Sonnenuntergang zu genießen und dabei ein wenig den Geist Winnetous zu spüren.

Europakarte mit Paklenica
  • Wo?

    Kroatien, Velebit-Gebirge

  • Ideal für:

    Klettergärten und Mehrseillängen

  • Typisch hier:

    Extrem griffiger Kalk

  • Einmalig:

    die Nähe zum Meer

  • Informieren:

    Kletterführer »Paklenica« von Boris Cujic

2. Tessin

Schweiz

Mildes Klima, gutes Essen und perfekter Granit: Die Kombination aus Fels und Dolce Vita gibt es nicht nur in Italien! Willkommen in der Sonnenstube Tessin.

Enge Gässchen zwischen steinernen Häusern, Palmen und Olivenbäume in den Vorgärten, Holzbalkone mit wilder Weinrebe – wirklich, das soll die Schweiz sein? Was Flair und Lebensgefühl angeht, ist man mittendrin im vielbeschworenen La Dolce Vita Italiens, während man mit der Kletterausrüstung im Rucksack durch das kleine Bergdorf Brontallo spaziert. Immer im Blick: der beeindruckende Felsriegel »El Cat« mit seiner rotgoldenen Farbe und der imposanten, leicht überhängenden Südwand, die ideale Bedingungen für Sportkletterer bietet. Die Routen sind bis zu 40 Meter lang, bieten viele Griffe und Tritte und erfordern Ausdauer, belohnen aber mit einer herrlichen Aussicht auf Brontallo und die Fiume Maggia, die in den Lago Maggiore mündet.

Sonnige Felsen wie im Sektor »El Cat« gibt es im Tessin zuhauf – der südliche Schweizer Kanton bietet eine Vielfalt an Klettermöglichkeiten, von grandiosen Granitblöcken wie im weltbekannten Bouldergebiet von Cresciano über tolle Sportklettergärten im Maggiatal bis hin zu technischen Routen in den höheren Lagen. Die Mischung aus mediterraner Vegetation und alpiner Landschaft schafft ein einzigartiges Kletterflair. Wie sagt man eigentlich auf Schweizerisch zum Konzept des »dolce Vita«?

Europakarte mit Tessin
  • Wo?

    Süd-Schweiz

  • Im Frühling ideal für:

    südseitige Klettergärten, Bouldern

  • Typisch hier:

    bombenfester Granitgneis

  • Einmalig:

    der nahe Lago Maggiore

  • Informieren:

    »Kletterführer Tessin«, Glauco Cugini, Schweizer Alpen-Club SAC

3. Leonidio

Griechenland

Griechenland kann mehr als Strandurlaub, weit mehr. Vor allem, wenn man im Frühling anreist. Willkommen im Wunderland der Felsen.

Kann man sich aussuchen, was einen hier im Frühling mehr anstrahlt: Die bunte Blumenpracht oder die gelbroten Kalkfelsen. Griechenland ist zwar eher für seine Inseln und Küsten bekannt, überrascht aber mit einer Berglandschaft, die gerade in der Übergangszeit ideale Bedingungen für uns Kletterer bietet. Und vor allem wohltuende Einsamkeit, bevor der Sommer die Touristenströme und die Hitze in das zerklüftete Land spült. Ein Highlight ist zweifelsohne Leonidio auf dem Peloponnes, oft das »neue Kalymnos« genannt. Das malerische Dorf, nur wenige Kilometer von der Küste entfernt, bietet mit seiner Vielfalt an Kalksteinformationen von grauen Platten bis zu tiefroten Sinterüberhängen für jeden Kletterer das Richtige. Die riesige Auswahl an erstklassigen Klettergärten kann fast überwältigend wirken, wenn man den Kletterführer Leonidio zum ersten Mal aufschlägt.

Doch Griechenland hat noch viel mehr zu bieten: Etwas südlich von Leonidio liegt Kyparissi, ein weiteres Kletterparadies, in dem einige Sektoren sogar direkt am Strand liegen. Hier lässt sich Klettern und Baden mühelos verbinden – zumindest für alle, die sich im Frühjahr ins noch kühle Meer wagen. Auf der Insel Euböa wartet das noch recht neue Gebiet Manikia darauf, entdeckt zu werden, auch hier überall Fünf-Sterne-Kalk in allen Variationen. Und dann gibt es natürlich noch die weltberühmten Meteora, die imposante Vikos-Schlucht, Varassova … insgesamt viel zu viel für ein Kletterleben, aber irgendwo muss man ja anfangen.

Europakarte mit Leonidio
  • Wo?

    Geniale Kalkfelsen finden sich über das ganze Land verstreut

  • Im Frühling ideal für:

    einen ausgedehnten Roadtrip

  • Typisch hier:

    Ruhe und Entspanntheit

  • Einmalig:

    die Landschaft, der griechische Wein

  • Informieren:

    Auswahlführer »Greece« von A. Theodoropoulos (Neuauflage geplant)

4. Osp

Slowenien

Der große Klassiker in Slowenien, der einen immer wieder kommen lässt und schon früh im Jahr wohltuende Wärme verspricht.

Man muss neidlos anerkennen, dass Osp einfach einer dieser Orte ist, an denen man sich als Kletterer wohlfühlt. Rundum wohlfühlt. Weil hier einfach alles stimmt: Die ruhige, abgeschiedene Atmosphäre des kleinen, verschlafenen Dorfes Osp, das zu den ältesten Dörfern Sloweniens zählt. Hier, wo es nichts gibt außer einem Campingplatz, einem Restaurant und eben dieser endlosen, sonnenverwöhnten Kalksteinwand im Hintergrund. Das steile Amphitheater lockte schon Ende der 70er Jahre die ersten Kletterer hierher, das milde Klima und die Nähe zum Meer haben Osp seither zu einem Klettergebiet von Weltruhm gemacht.

Ausgiebig vor dem Zelt frühstücken, dann einfach den Rucksack schultern und losmarschieren, ohne vorher irgendwo hinfahren zu müssen: Perfekt möglich in Osp. Denn hier sind mehr Routen zu Fuß erreichbar, als man in einem ganzen Frühling klettern kann. Über 200 Touren warten im traditionsreichen Klettergebiet Osp, noch einmal so viele im benachbarten Mišja peč, ebenfalls zu Fuß vom Campingplatz erreichbar, die Schwierigkeiten reichen von 4a bis 9a+. Was es hier im Frühling auch noch überall gibt: Wildspargel, köstlich mit Olivenöl im Campingkocher gebraten. Mahlzeit!

Karte Padjelantaleden
  • Wo?

    dort, wo Slowenien das Mittelmeer küsst, 15 km von Triest

  • Im Frühling ideal für:

    gemütliches Campingflair

  • Typisch hier:

    endlose Überhänge

  • Einmalig:

    400 Routen vom Campingplatz erreichbar

  • Informieren:

    »Slovenija« Kletterführer, Vodniki Sidarta

5. Tirol

Österreich

Warum immer in die Ferne schweifen, wenn das Gute oft so nah liegt? In Tirol lässt es sich auch im Frühling ausgezeichnet klettern.

Was hat Tirol in dieser Liste mediterraner Kletterdestinationen zu suchen? Das muss ein Irrtum sein, denn im Frühling fährt man doch eher zum Skifahren ins selbsternannte »Herz der Alpen«, oder etwa nicht? Kann man schon machen, aber es lohnt sich genauso, im Frühling die Kletterpatschen und ein 80-Meter-Seil in den Rucksack zu packen, denn der Frühling ist hier mitunter die schönste Zeit zum Felsklettern. Schon ab 10 Grad klettert man bei Sonnenschein – und den gibt es hier Gott sei Dank oft – am liebsten im T-Shirt in den Südwänden, dem Mikroklima am Fels sei Dank. Ob an der Martinswand bei Innsbruck, der Chinesischen Mauer in der Leutasch bei Seefeld oder im anfängerfreundlichen Affenhimmel bei Starkenbach, talnahe Südwände gibt es genug. Und die üppig ausgebaute touristische Infrastruktur mit den vielen guten Hotels lässt sich auch für den Kletterurlaub nutzen, so ein Saunaaufguss nach einem Tag am Fels kann schon was.

Für die besonders Motivierten gibt es natürlich noch die Königsklasse: die Kombination von Skitour und Alpinklettern. Wenn die Bedingungen stimmen, kann man so an den hohen Wänden des Schüsselkars oder des Wilden Kaisers einen unvergesslichen Alpintag erleben. Und dabei gleich zwei Jahreszeiten unmittelbar nacheinander erleben: Winter im Aufstieg, Sommer in der Wand! So etwas Exquisites gibt es wirklich nur im Herzen der Alpen.

Karte Soermlandsleden
  • Wo?

    im Herz der Alpen

  • Im Frühling ideal für:

    sonnige Südwände, ski & climb

  • Typisch hier:

    Qualität des touristischen Angebots

  • Einmalig:

    einen Tag mit »ski & climb«

  • Informieren:

    auf www.climbers-paradise.com gibt es kostenlose Topos & Unterkunftstipps


TEXT & FOTOS: Simon Schöpf

Inhaltsverzeichnis
Inhalts-
verzeichnis