Machu Picchu Inka-Trail

alekosa – Fotolia In 2430 Metern Höhe ließ der Inka-Herrscher Pachacútec Yupanqui die Terrassenstadt in den Anden errichten.
Um 1440 wurde Machu Picchu errichtet, kurze Zeit später aber schon wieder verlassen. Der Trail zu diesem rätselhaften Relikt führt durch tropische Schluchten, über steile Pässe und vorbei an abgelegenen Ruinen.

Bei jedem Anstieg schnaubt der Zug wie ein erschöpftes Tier, nur schwerfällig überwindet die alte Lok den Berg, hinter dem Cusco liegt. Von Lima aus, dem staubigen und sandigen Moloch, führt mich meine Reise im Schatten mächtiger Berge und entlang malerischer Andentäler in die alte Hauptstadt des Inka-­Reichs. Wann immer der Zug langsamer wird oder hält, versuchen Indiofrauen durch die Fenster ihre Waren an die Fahrgäste zu bringen: Mais, Püppchen, Decken oder die für unsere Gaumen völlig übersüßte Inka-Cola.

Cusco liegt 3400 Meter über dem Meer, eingebettet zwischen grünen Hügeln. Die meisten Einwohner tragen ihre schweren, bunten Trachten, hier und da steht ein Lama mitten auf der Straße. In den Innenhöfen zwischen engen Gassen werden nicht selten Meerschweinchen gehalten, bis sie fett genug für einen saftigen Sonntagsbraten sind.

Man kann von hier aus auch mit dem Zug weiterfahren ins 120 Kilometer entfernte Machupicchu Pueblo. Doch wer den legendären Inka-Trail laufen will, schnürt ab Cusco die Wanderstiefel. Weil der Trek so beliebt ist,
lassen die Behörden jeden Tag »nur« 500 Wanderer auf den Trail. Das bedeutet, dass man sich monatelang und mit einigem bürokratischen Aufwand anmelden muss, bevor man sich auf den vier- bis fünftägigen Weg machen darf. Alternative Routen nach Machu Picchu wären zum Beispiel der Salkantay Trail (5–8 Tage), der den »Inka­-Highway« entlangführt und Teil des unglaublich komplexen und weitreichenden Straßensystems gewesen ist, das das ganze Inka-Reich durchzog.

Die Lares-Route wiederum ist aufgrund ihrer Popularität häufig ein wenig überlaufen, aber das Naturschauspiel und die teilweise neu entdeckten Ruinen am Wegesrand haben ihren ganz besonderen Reiz. Echte Härte ist bei der Vilcabamba-­Variante gefragt, die sich gut 100 Kilometer lang durch wilde Canyons und über steile Bergflanken durch gebirgiges Terrain schlängelt. Übrigens wandelt man hier direkt auf den Spuren Hiram Binghams, des britischen Forschers, der 1911 Machu Picchu wiederentdeckte. Auf dem historischen Cachicata Trail bewegt man sich auf einer der Boten- und Transportrouten, die die Inkas zwischen dem Pazifik und dem gebirgigen Inland eingerichtet hatten. Vorbei an uralten Inka-Steinbrüchen, Ruinen­städten und dem überaus beeindruckenden Perolniyoc-Wasserfall bekommt man eine Ahnung, was für logistische Meisterleistungen und Erfindungsreichtum nötig waren, damit in diesen extremen Landschaften eine Hochkultur entstehen konnte.

Dünne Luft

Ich entscheide mich für die Standardroute, bei der es zunächst durch das wüstenartige, kakteenübersäte Hochtal des Urubamba-­Flusses geht. Bevor man aber den Fluss überqueren darf und auf den Trail geschickt wird, ist der Permit-Papierkrieg am ersten Kontrollpunkt der Route zu erledigen. Nach drei Stunden Wanderung gelangt man zu den Ruinenanlagen von Patallacta, wo Terrassenfelder und weitläufige Gebäudean­lagen schon eine erste Ahnung von der Kunstfertigkeit der Inka-Baumeister vermitteln. Am nächsten Tag führt der Weg durch das Tal des Cusicacha, bis wir nach etwa zwei Stunden in Huayllabamba auf den zweiten Kontrollpunkt treffen. Wieder gibt es Stempel. 
Danach wird der Weg steiler, immer wieder steigt man auf Steintreppen bergan, die die Inkas vor 500 Jahren in die Hänge gebaut haben. Am Ende des Tages erreichen wir den Campingplatz Llulluchapampa mit seinem herrlichen Panorama. Ich wasche mich in einem eisigen Bach – und freue mich auf meinen warmen Schlafsack.  

»Bei jedem Anstieg schnaubt der Zug wie ein erschöpftes Tier, nur schwerfällig überwindet die alte Lok den Berg.«

Am dritten Tag wartet der anstrengendste, aber auch der schönste Abschnitt des Inka-­Trails. Weil wir es langsam angehen lassen müssen (Akklimatisierung!), brechen wir früh morgens mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Am ersten Pass, der 4215 Meter hoch liegt, haben wir Glück: Das Wetter ist klar, bis weit hinüber zu den schneebedeckten Gipfeln der hohen Anden reicht der Fernblick. Später treffen wir auf die als perfektes Rund angelegte Ruinenanlage von Runcu Raccay, die den Inkas wohl als Tempel, Raststätte und Militärstützpunkt diente. Nachdem ich das Mittagessen in Chaquiccocha mit Heißhunger heruntergeschlungen und die Füße in einem Bach gekühlt habe, geht es auf den vielleicht schönsten Abschnitt des Inka-Trails. Auf gut begehbaren Wegen schwirren Kolibris durch die feuchte Luft und üppige, dichte Vegetation mit Farnbäumen und Bromelien säumt den Pfad. Man bewegt sich hier in einem tropischen Bergnebelwald, geradezu das Klischee einer »grünen Hölle«, denke ich. Ein weiteres 360-Grad-Bergpanorama erwartet uns auf dem Zeltplatz Phuyupatamarca in knapp 3700 Metern Höhe, wo die Zelte direkt auf einem kahlen Bergrücken errichtet werden. 

Dann, am vierten Tag, erreichen wir schließlich einen weiteren Pass, von dem aus wir zum ersten Mal die Inka-Stadt auf den gegenüberliegenden Hängen sehen. Doch zuerst geht es hinab nach Machupicchu Pueblo, der Ort liegt in einer tiefen Schlucht. Zwei Flüsse stürzen von den steilen Hängen herab und in der Regenzeit, von Dezember bis März, schwellen sie oft innerhalb weniger Minuten zu gefährlichen Springfluten an.

Rätselhafte Stadt

Dann sind es nur noch wenige Minuten unter dem Dach des Nebelwaldes bis zur eigent­lichen Tempelstadt Machu Picchu. Die Leute, die bequem mit dem Bus hier heraufgekommen sind, beneide ich nur kurz. Sie haben viel verpasst auf dem Weg hierhin. Es dauert, bis sich der dichte Morgennebel auflöst, und aus dem Wald hallen die unheimlichen Schreie von Brüllaffen und Papageien; auf den knorrigen Ästen massiger Bäume am Wegesrand wachsen bizarre Orchideen. Als ich schließlich das Plateau erreiche, bin ich vom Anblick überwältigt: im Vordergrund die Terrassen mit den glatt geschliffenen Steinen, ringsum die majestätischen Berge der Anden. Wolken wabern um die beiden Gipfel, die über der Ruinenstadt aufragen. Weit reicht der Blick ins tiefe Tal des Urubamba­-Flusses. 

Cusco war einst die Hauptstadt des Inka-Reichs, noch heute begegnet man den Bräuchen an jeder Ecke.

Der Bau von Machu Picchu begann im 15. Jahrhundert, aber die eigentümliche Mischung aus Burgfeste, religiösem Zentrum und astronomischer Beobachtungsstation wurde vermutlich nie ganz fertiggestellt. Noch heute liegen unbehauene Brocken herum, die stoisch ihrer Weiterverarbeitung harren. Bauernhütten, Handwerkshäuser, Paläste und Tempel, ein Gefängnis – alles steht noch so da, wie es von den Inkas gebaut und nach kurzer Zeit wieder verlassen wurde. Über 300 Jahre lang lag Machu Picchu unter dem dichten Dach des Dschungels versteckt – verlassen und unentdeckt. Ich lasse meinen Blick schweifen und versuche, mich in vergangene Zeiten zurückzuversetzen: Welche Bedeutung hatte der Ort für das Inka­-Volk? Wer lebte hier? Und warum verließen die Inka Machu Picchu wieder, noch bevor die Stadt überhaupt fertig war? Ich stehe inmitten eines Geheimnisses, das wohl immer eines bleiben wird – und finde das auf eine seltsame Art beruhigend.

Christoph Willumeit (53) 
schreibt von Berufs wegen eigentlich über alles, aber am Liebsten über Berge und seine Reisen dorthin. Sein Motto: »Reisen bildet. Und macht idealerweise auch noch Spaß.«

Text: André Lützen/Christoph Willumeit
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