10 Tipps für bessere Naturfotografie

Stephan Wiesner zählt zu den profiliertesten Naturfotografen Deutschlands. Dabei hält er mit seinem Wissen nicht hinter dem Berg, sondern teilt sein Know-how und Technikverständnis in begeisternder Art und Weise auf seinem Youtube-Kanal – und hier im Globetrotter-Blog.

Stephan Wiesner

Tipp 1: Vordergrund macht Bild gesund

Häufig profitieren Naturfotos davon, dass irgendetwas im Vordergrund steht. Nicht umsonst sieht man auf Instagram häufig Personen in bunten Jacken in der Landschaft! Persönlich halte ich eher Ausschau nach Bäumen, interessanten Felsstrukturen oder Gräsern.

Das Bild aus dem Pfälzerwald (siehe oben) zeigt gleich noch einen Bonus-Tipp: Einrahmungen. Die Felswand links, der Baum rechts. Dadurch wird der Blick des Betrachters in das Bild regelrecht hereingezogen. Man möchte förmlich durch den Rahmen hindurchgehen und sich auf die Felsen setzen, um den Sonnenaufgang genießen zu können! Natürlich habe ich auch ein Foto von den Felsen aus in die weite Landschaft gemacht … aber es ist langweilig, weil der Vordergrund fehlt.

Blaue Stunde
Felix Roeser

Tipp 2: Fotografiere das Abenteuer

Egal ob Klettern, Wandern oder die abendliche MTB-Runde: Versuche die Magie des Momentes einzufangen. Das betrifft nicht nur die Landschaft, sondern auch euch. IHR seid das Abenteuer! Zeig’ dich/euch in der Landschaft. Ein einfaches Beispiel: Während ihr im letzten Licht des Tages nach der Tour zum Parkplatz zurücklauft, kannst du schnell noch die Kamera auf ein Stativ (oder einen Stein) stellen und ein Gruppen-Selfie schießen für den typischen Katalog-Shot einer Outdoor-Marke. Der Trick ist hier: Wir leuchten mit den Stirnlampen den Boden vor uns so an, dass der Weg ausgeleuchtet ist und wir selbst angeleuchtet sind. Das hat mehrere Versuche benötigt. Das Foto ist zudem zur blauen Stunde aufgenommen (siehe unten).

Stephan Wiesner

Tipp 3: Zeige Größe!

Ohne Bezugspunkt kann der Betrachter nicht beurteilen, wie hoch ein Berg oder eine Kletterroute sind. Such dir einen Bezugspunkt als Vergleich. Der winzige Kletterer in der Wand, der Bulli auf der Passstraße oder wie hier: Der Sebastian mit der Fackel in der Hand. Erst durch den Menschen im Foto erkennt man die Gewaltigkeit der umgebenden Berge.

Nachtaufnahme Hütte Milchstraße
Stephan Wiesner

Tipp 4: Keine Angst vor der Nacht

Wanderungen und Bergtouren in einsamen Gegenden laden förmlich dazu ein, auch den Sternenhimmel zu fotografieren (oder die Polarlichter, wenn man weit im Norden ist). Das Foto der Berghütte in den Alpen ist übrigens mit der Sony A6000 aufgenommen, einer über zehn Jahre alten Einsteiger-Kamera. Man muss also keine Profi-Ausrüstung für diese Fotos haben. Wichtig ist hier: Man benötigt ein möglichst weitwinkliges Objektiv, das idealerweise auch noch lichtstark ist (hier 12 mm an der APS-C Kamera mit Blende 2.5). Auf dem Stativ wählt man eine Belichtungszeit von 20 Sekunden bei ISO 6400 und kontrolliert dann das Bild. Je nach Umgebungslicht kann der ISO-Wert dann angepasst werden. Profi-Tipp: Stell die Helligkeit deines Bildschirms auf den niedrigsten Wert! Da deine Augen an die Dunkelheit gewohnt sind, wirst du das Bild sonst als zu hell wahrnehmen, obwohl es in Wirklichkeit vielleicht zu dunkel ist. Wann und wo die Milchstraße zu sehen ist, kannst du in einer Foto-App wie z.B. Photopills nachschlagen.

Fotografie zur goldenen Stunde
Stephan Wiesner

Tipp 5: Fotografiere zur goldenen Stunde

Licht ist entscheidend in der Naturfotografie. Kurz nach Sonnenaufgang bzw. vor Sonnenuntergang können magische Stimmungen entstehen! Insbesondere wenn dicke Wolken am Himmel hängen und die Sonne kurz durch kommt, wie hier an der Nordsee. Dabei nehme ich nach Möglichkeit die Sonne mit ins Bild, um die warmen Töne am Himmel maximal einzufangen. Bei Blenden im Bereich 13-16 entstehen zudem die hier zu sehenden Sonnensterne.

Wann immer möglich, plane ich Wanderungen und MTB Touren so, dass ich zur goldenen Stunde unterwegs bin (die ersten 1-2 Stunden nach Sonnenaufgang am Morgen und vor Sonnenuntergang am Abend).

Landschaft Island
Stephan Wiesner

Tipp 6: Schatten macht das Foto

Naturfotografie-Anfänger suchen häufig nach dem richtigen Licht. Fortgeschrittene halten hingegen auch Ausschau nach den Schatten! Eine gleichmäßig ausgeleuchtete Landschaft gibt eher langweilige Naturfotos. Erst der Mix aus Licht und Schatten bringt die Stimmung. Das beste Fotografen-Wetter ist entsprechend ein Mix aus Sonne und Wolken. Die langen Schatten am Morgen bzw. Abend laden ebenfalls dazu ein, die Kamera herauszuholen. Für dieses Foto von unserem Geländewagen in Island haben wir lange auf den richtigen Moment gewartet. Dicke Wolken hingen am Himmel und erst kurz vor Sonnenuntergang kam die Sonne noch mal durch und hat dunkle Schatten auf die Ebene geworfen.

Blaue Stunde
Stephan Wiesner

Tipp 7: Die Magie der blauen Stunde

Wenn die Sonne schon untergegangen, es aber noch nicht wirklich Nacht ist, bekommt das Licht einen blauen Ton. Das alleine gibt noch keine interessanten Fotos. Sobald aber ein Autoscheinwerfer oder die Lampen eines Hauses mit im Bild sind, ändert sich das. Das eigentlich weiße Licht wirkt durch das blaue Umgebungslicht gelb und es ergeben sich sehr harmonische Lichtstimmungen. Das gibt sehr schöne Naturfotos einer Berghütte, von Lampen im Zeltlager oder Straßenzügen wie hier in Cochem.

Es heißt zwar blaue Stunde, aber in Wirklichkeit dauert sie nur ein paar Minuten. Foto-Apps wie Photopills geben die genaue Uhrzeit dafür an. Sie tritt ungefähr 15 Minuten vor Sonnenaufgang, bzw. nach Sonnenuntergang auf, schwankt im Jahresverlauf aber deutlich.

Führende Linien: Sonnenaufgang Pfälzer Wald
Stephan Wiesner

Tipp 8: Führende Linien in der Naturfotografie

Wandernde Fotografen haben einen großen Vorteil: Sie haben immer eine führende Linie vor der Nase! Dieser Wanderweg in der Lüneburger Heide zieht den Betrachter in das Bild. Die aufgehende Sonne kommt seitlich durch die Bäume und lässt den leichten Bodennebel leuchten. Wer möchte hier nicht sofort die Wanderstiefel schnüren?

Mit Stativ: Gollinger Wasserfall
Stephan Wiesner

Tipp 9: Wasserfälle fotografiert man mit einem Stativ

Das tosende Wasser von einem Wasserfall fotografiert man am besten mit einem Stativ und versucht eine Belichtungszeit von ungefähr einer halben Sekunde zu erreichen. Im schattigen Wald gelingt einem das häufig auch tagsüber. An stark bewölkten Tagen auch bei freistehenden Wasserfällen. Profis setzen Filter ein, um den Effekt bei jedem Wetter zu erreichen. Am besten fotografiert man im M-Modus mit ISO 100 und tastet sich in der Vorschau der Kamera mit der Kombination aus Blende und Verschlusszeit an den gewünschten Effekt heran. Dieser Wasserfall in der Nähe von Berchtesgaden wurde bei Blende 8 mit 0,5 Sekunden Belichtungszeit und einem Graufilter aufgenommen. Die Felsen im Vordergrund verleihen dem Bild Tiefe und lenken den Blick (siehe oben den Punkt »Vordergrund macht Bild gesund«).

Detail Lüneburger Heide
Stephan Wiesner

Tipp 10: Details, Details, Details

Ich wohne in der Lüneburger Heide. Wenn die Heideflächen im August blühen, sieht es hier fantastisch aus. Den Rest des Jahres … ein ganz wenig langweilig. Dennoch gibt es viel zu sehen und zu fotografieren, wenn man die Augen offen hält. Häufig kann es sich lohnen, nah heran zu gehen. Noch näher! Mit einem Makro-Objektiv oder dem Smartphone kann man Details entdecken und die Schönheit der Natur im Kleinen zeigen, wie hier mit dem Falter im Heidekraut. Blüten, Insekten, interessant geformte Felsstrukturen oder Baumrinde sind nur eine kleine Auswahl an Möglichkeiten. Solche Naturfotos entstehen am einfachsten bei bewölktem Himmel. Ist das Licht schon sehr grell und hart, kann man sich selbst Schatten geben. Dafür hält man ein Stück Karton, ein Sitzkissen oder eine Jacke so, dass der Schatten auf das Fotomotiv fällt. Aber Vorsicht: Eine rote Jacke gibt auch rötliche Schatten. Schwarz, weiß und grau sind hier die Farben der Wahl.


Stephan Wiesner

Stephan Wiesner ist Fotograf aus der Lüneburger Heide. Sein YouTube-Kanal mit 200.000 Abonnenten zeigt Tutorials und Testberichte rund um die Fotografie. Er hat zahlreiche Fachbücher und Artikel veröffentlicht.